Künstliche Intelligenz stellt nicht nur Aufgabenformate infrage, auch Prüfungen geraten unter Druck. Der neue Blogpost gibt Anregungen, wie Prüfungen neu gedacht werden können.

Im letzten Blogpost «Aufgabenstellungen im Zeitalter von KI neu denken» haben wir beleuchtet, wie Künstliche Intelligenz traditionelle Aufgabenformate im Unterricht herausfordert. Das Fazit: Unsere Aufgaben müssen sich verändern, damit sie weiterhin das fördern und abbilden, was im 21. Jahrhundert relevant ist.

Heute gehen wir noch einen Schritt weiter. Wenn sich Aufgaben verändern müssen – dann gilt das auch für Prüfungen. Denn viele klassische Prüfungsformate geraten zunehmend an ihre Grenzen.

Klassische Prüfungen unter Druck

Seit über einem Jahrhundert sind Beurteilungsformen wie Aufsätze und Prüfungen ein fester Bestandteil unseres Bildungssystems (vgl. GoStudent, 2025, S. 6). Doch durch die digitale Transformation und insbesondere durch den rasanten Einzug von KI verändern sich die Rahmenbedingungen. Reine Wissensabfragen, das Schreiben von Texten auf digitalen Geräten oder standardisierte Tests messen heute oft nicht mehr, was Schüler*innen wirklich brauchen, um in einer digitalen und vernetzten Welt handlungsfähig zu sein.

Die Diskussion um die Rolle von KI ist dabei nur ein Teil eines grösseren Debatte: Was soll schulische Leistungsbeurteilung überhaupt leisten? Und wie können wir Lernprozesse so abbilden, dass sie mehr über das Können als über das blosse Erinnern aussagen?

Eine Realität im Umbruch

Der «GoStudent Bericht zur Zukunft der Bildung 2025» (vgl. 2025, S. 6) berichtet über eine Studie der Stanford University. In dieser wird ausgeführt, dass Künstliche Intelligenz zwar neue Möglichkeiten zum Schummeln bietet, das tatsächliche Ausmass jedoch seit Jahren relativ konstant bleibt: 60–70 % der Schüler*innen geben an, im vergangenen Monat mindestens einmal geschummelt zu haben. Kurz gesagt: Wer schummeln will, tut dies – unabhängig davon, ob mit oder ohne KI.

Gleichzeitig nutzen 16 % der Jugendlichen KI für Aufsätze, 21 % bei Prüfungen – in Frankreich sogar 26 %. Diese Zahlen zeigen: Das Vertrauen in herkömmliche Prüfungsformen wird zunehmend infrage gestellt.

Trotzdem halten 80 % der Eltern und 83 % der Lehrkräfte Aufsätze für eine effektive Bewertungsmethode, bei Prüfungen sind es immerhin 72–77 %. Das Vertrauen ist noch da – doch der Zweifel wächst.

Das bedeutet nicht, alles über Bord geworfen werden muss. Aber es soll noch stärker auf Kompetenzen gesetzt werden: Können Lernende Probleme lösen? Wissen sie, wie sie an Informationen kommen und sie kritisch beurteilen? Können sie ihr Wissen anwenden, vielleicht sogar gemeinsam mit KI-Tools?

Prüfungen neu gestalten

Wenn sich die Anforderungen an Lernen verändern, dann müssen sich auch die Prüfungsformate verändern. Prüfungen, die früher zuverlässig Wissen abgefragt haben, geraten heute ins Wanken, wenn generative KI bei der Bearbeitung eingesetzt werden kann.

Der neue «KI-Leitfaden – Prüfen & Bewerten» von Joscha Falck und Manuel Flick bietet hier praxisnahe Orientierung. Er nimmt Lehrpersonen mit in die Überlegungen, wie Prüfungen künftig aussehen können.

Zentral ist dabei nicht die Frage «Wie kann ich KI aus Prüfungen heraushalten?», sondern: Wie können Prüfungsformate so gestaltet werden, dass sie das fördern und abbilden, was Schüler*innen wirklich können sollen – auch im Umgang mit KI? 

Sechs grundlegende Gedanken können als Orientierung dienen, um Veränderungen in der Prüfungskultur zu leiten:

Falck, J. &. Flick, M. (2025). KI-Leitfaden – Prüfen und Bewerten [3.7.25] 

Der Leitfaden schlägt drei Grundtypen vor:

  • Prüfungsformate ohne (aktiven) KI-Einsatz
  • Prüfungsformate mit punktuellem KI-Einsatz
  • Prüfungsformate mit vollumfänglichem KI-Einsatz

Ein Schieberegler-Modell hilft bei der Prüfungsplanung: Wie viel KI soll erlaubt sein? Findet die Prüfung vor Ort oder zu Hause statt? Und wie wirkt sich das auf die Anforderungen aus?

Durch die Position der Regler lassen sich verschiedene Prüfungsformate ableiten – von Prüfungen ganz ohne KI, über punktuellen KI-Einsatz, bis hin zu Prüfungen mit umfassender KI-Nutzung. So lässt sich schnell erkennen, welche Gestaltungsmöglichkeiten bestehen.

Falck, J. &. Flick, M. (2025). KI-Leitfaden – Prüfen und Bewerten [3.7.25] 

KI-Leitfaden – Prüfen & Bewerten

Falck, J. &. Flick, M. (2025). KI-Leitfaden – Prüfen und Bewerten [3.7.25] 

Wichtig dabei: Der Leitfaden liefert keine fertigen Rezepte, sondern ein Werkzeug, das an den eigenen Kontext angepasst werden kann. Die bereitgestellten Materialien stehen offen zur Verfügung (CC-Lizenz) und stehen auch als bearbeitbare Dokumente zum Download bereit, einmal ausgefüllt und einmal leer, so dass die Formulare auch den individuellen Bedürfnissen angepasst werden können. Canva-Vorlage: «KI-Leitfaden – Prüfen & Bewerten».

GoStudent-Bericht 2025

Wer sich vertieft mit aktuellen Entwicklungen im Bildungsbereich auseinandersetzen möchte, findet im GoStudent-Bericht zur Zukunft der Bildung 2025 eine fundierte Datengrundlage. Für die Studie wurden 5.859 Elternteile bzw. Erziehungsberechtigte und ihre 5.859 Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren sowie 300 Lehrkräfte befragt.

Die Befragung fand in sechs europäischen Ländern statt: Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Sie zeigt auf, wie Bildung heute von verschiedenen Perspektiven erlebt wird, wo Chancen gesehen werden – und wo dringender Veränderungsbedarf besteht.

Der Bericht bietet damit nicht nur Zahlen, sondern wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Gestaltung von Schule und Leistungsbewertung.

Zum Bericht

Quellen:

Falck, J. & Flick, M. (2025). KI-Leitfaden – Prüfen & Bewerten [3.7.25] 

GoStudent (2025). Der GoStudent Bericht zur Zukunft der Bildung 2025. [3.7.25] 

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