Ausgangslage: Die Schule steht unter Zugzwang
Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags von Jugendlichen. Die Studie der Vodafone Stiftung «Pioniere des Wandels» (vgl. Blogpost TTIM: Was meinen Jugendliche zu KI?) zeigt: 74 Prozent der befragten Jugendlichen nutzen bereits KI-Systeme. Nur ein Viertel (26 %) hat diese weder im Unterricht noch privat ausprobiert. In den meisten Fällen erfolgt die Nutzung auf eigene Initiative, sei es für private oder schulische Zwecke ohne dass Lehrpersonen dazu anregen (71 %). ChatGPT ist derzeit das meistgenutzte KI-System unter Jugendlichen. Gleichzeitig berichtet die Schweizer Gratiszeitung 20 Minuten, dass der nationale Schülerverband eine schnellere und flächendeckende Integration Künstlicher Intelligenz in den Schulalltag fordert und der neue GoStudent Bericht zur Zukunft der Bildung 2025 kommt zum Schluss, dass sich Lehrpersonen dringend weiterbilden müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Diese Fakten machen deutlich: KI ist da – und bleibt. Die Schule kann sich diesem Wandel nicht entziehen. Doch wie soll sie reagieren? Ein vollständiges Verbot ist laut Fachleuten wenig sinnvoll. Vielmehr muss der sinnvolle, reflektierte Umgang mit KI erlernt und im Unterricht gezielt eingebettet werden.
Der Umgang mit Innovation ist nicht neu
Dominik Petko (vgl. Minor, 2023) sieht die Entwicklungen gelassen. Als Professor für Allgemeine Didaktik und Mediendidaktik an der Universität Zürich beschäftigt er sich intensiv mit dem Einfluss digitaler Technologien auf den Unterricht. Er verweist auf die Einführung des Taschenrechners vor rund fünfzig Jahren: Damals fragten sich viele Lehrpersonen, ob das das Ende des Kopfrechnens sei. Heute ist klar: Das kleine Einmaleins gehört weiterhin zum Basiswissen, während der Taschenrechner gezielt bei komplexeren Aufgaben zum Einsatz kommt.
Lena Aerni vom Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband bringt es auf den Punkt:
«Technisch affine Jugendliche setzen solche Hilfsmittel natürlich ein und oft tun sie das, noch bevor die Lehrpersonen nur schon davon gehört haben.»
Lena Aerni vom Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband
Drei Wege zum Ziel: Kontrolle, Transparenz, Transformation
Wie also kann Schule auf die neuen Realitäten reagieren? Röhl (2024) beschreibt drei strategische Herangehensweisen, die verschiedene Haltungen widerspiegeln:
1. Kontrolle: KI-Nutzung verhindern
Ein naheliegender Ansatz ist das Verbot von KI-Tools bei Prüfungen und Aufgaben. Um dies durchzusetzen, braucht es jedoch Überwachungsmechanismen – etwa durch Tools zur automatisierten Erkennung von KI-generierten Texten. Diese liefern jedoch nur Wahrscheinlichkeiten und sind fehleranfällig. Letztlich bleiben Erfahrung und pädagogische Intuition der Lehrperson entscheidend.
Eine Rückbesinnung auf klassische Prüfungsformate – wie handschriftliche Klausuren ohne digitale Hilfsmittel – erscheint unter dieser Perspektive sinnvoll, um KI-Einsatz gezielt auszuschliessen.
2. Transparenz: KI sichtbar machen
Statt auf Kontrolle zu setzen, kann auch ein transparenter Umgang mit KI gefördert werden. Dabei wird anerkannt, dass ein vollständiges Vermeiden unrealistisch ist. Schüler*innen dürfen KI-Tools nutzen, müssen dies jedoch offenlegen, etwa durch Quellenangaben wie «ChatGPT, Prompt vom 23.05.2025» in Facharbeiten. Dokumentierte Prompts und Ausgaben helfen Lehrpersonen, den individuellen Lernprozess besser nachzuvollziehen.
3. Transformation: Aufgabenformate neu denken
Transparenz kann zum Türöffner für einen grundlegenden Wandel der schulischen Aufgabenkultur werden. Der Fokus verschiebt sich vom blossen Ergebnis hin zum Lernprozess. Dieser Ansatz legt den Grundstein für eine transformative Nutzung von KI, bei der neue Prüfungsformate entstehen, die den Einsatz von KI nicht nur erlauben, sondern pädagogisch gewinnbringend integrieren.
So könnten etwa Portfolios zur Dokumentation von Lernprozessen eingesetzt werden, mit oder ohne KI-Nutzung. Mündliche Prüfungen oder Präsentationen ermöglichen zudem eine valide Überprüfung von Verständnis und Transferleistung. Ebenso eröffnen sich neue Aufgabenformate: etwa dialogische Auseinandersetzungen mit Bots im Sprachunterricht oder kreative Schreibaufträge wie das Verfassen eines klassischen Theaterstücks mithilfe von KI.
Diese drei Herangehensweisen – Kontrolle, Transparenz und Transformation – schliessen sich nicht gegenseitig aus. Vielmehr liegt es an jeder einzelnen Schule, eine eigene, differenzierte Haltung zu entwickeln: Wo soll der Einsatz generativer KI bewusst erlaubt, wo klar eingeschränkt oder untersagt werden?
Veränderte Aufgabenformate: Was bedeutet das konkret?
Die bisherigen Überlegungen machen deutlich: Ein generelles KI-Verbot greift zu kurz, insbesondere, da Schüler*innen KI-Tools ohnehin bereits nutzen. Vielmehr ist die Schule gefordert, sowohl ihre Aufgabenformate als auch ihre Prüfungsformate grundlegend zu überdenken. Der Fokus sollte sich verstärkt auf die sogenannten 4K-Kompetenzen (Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritisches Denken) richten, die im Kontext einer KI-geprägten Gesellschaft noch mehr an Bedeutung gewinnen.
Falck und Flick (2024) bieten hierzu praxisnahe Orientierung und klare Empfehlungen («Do’s and Don’ts»). Sie fordern eine schrittweise, gezielte Integration von KI in den Unterricht – etwa im Rahmen des «KI-Leitfaden – Neue Aufgabenkultur mit KI». Entscheidend ist dabei das passende Aufgabendesign: Lernaufgaben müssen so gestaltet sein, dass sie nicht einfach durch generative KI gelöst werden können, sondern komplexere Denk-, Gestaltungs- oder Transferleistungen erfordern.
Gerade bei Aufgaben, die ausserhalb des Unterrichts bearbeitet werden, braucht es Formate, die über die blosse Reproduktion von Wissen hinausgehen. Perspektivisch müssen auch Prüfungsformate entstehen, die den sinnvollen Einsatz von KI zulassen oder sogar erfordern.
Falck und Flick unterscheiden dabei drei Stufen:
Kein KI-Einsatz: Aufgaben, die ohne technische Unterstützung bearbeitet werden müssen.
Punktueller KI-Einsatz: KI wird gezielt für bestimmte Teilaspekte verwendet (z. B. Ideengenerierung oder Strukturvorschläge).
Vollumfänglicher KI-Einsatz: Aufgaben, bei denen KI-Tools integraler Bestandteil des Arbeitsprozesses sind.
Alle Vorlagen stehen auch als bearbeitbare Dokumente zum Download bereit, einmal ausgefüllt und einmal leer, so dass die Formulare auch den individuellen Bedürfnissen angepasst werden können. Canva-Vorlage «Leitfaden – Aufgabenkultur mit KI»
Zudem gibt es von Falck und Flick einen KI-Leitfaden für den Unterricht, ebenfalls auch als bearbeitbare Vorlage herunterladbar: Canva-Vorlage «KI-Leitfaden für den Unterricht».
Fazit: Orientierung schaffen und Haltung entwickeln
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsszenario mehr, sondern fester Bestandteil des schulischen Alltags. Schulen stehen daher nicht mehr vor der Frage ob, sondern wie sie den Einsatz von KI gestalten wollen. Lehrpersonen nehmen dabei eine Schlüsselfunktion ein, indem sie Lernumgebungen schaffen, in denen KI reflektiert, kreativ und verantwortungsvoll integriert wird – weder als Bedrohung noch als Wundermittel.
Zeitgemässe Aufgabenformate, die KI mitdenken, eröffnen neue Wege für kompetenzorientierten und motivierenden Unterricht. Um jedoch Orientierung und Handlungssicherheit zu gewährleisten, ist eine gemeinsame Haltung innerhalb der Schule essenziell. Ein schulübergreifendes Konzeptpapier kann hier als Leitfaden dienen und kann idealerweise im Rahmen eines Schulentwicklungsprozesses erarbeitet werden, da viele schulische Ebenen – etwa auch die Personalentwicklung – betroffen sind.
Fest steht: Die Auseinandersetzung mit KI ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Schulen sind gefordert, aktiv und strategisch auf die Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation zu reagieren.
Weiterbildungsangebot der PH Bern
Die Pädagogische Hochschule Bern bietet mit verschiedenen Weiterbildungsangeboten wie z. B. «Wie Künstliche Intelligenz den Unterricht verändert» ein praxisnahes Programm, das sich gezielt mit Aufgabenstellungen und Beurteilungen im Zeitalter der KI auseinandersetzt. Das Angebot richtet sich an Lehrpersonen und Schulteams, die ihren Unterricht zukunftsorientiert weiterentwickeln wollen.
Hier geht es zur Weiterbildungssuche der PHBern.
Quellen:
20min (2025). «Wir müssen fast betteln, dass wir mitreden können» [3.7.25]
20min (2025). «Für KI brauchts kein Schulfach, aber informierte Lehrer» [3.7.25]
Falck, J. &. Flick, M. (2024). KI-Leitfaden – Neue Aufgabenkultur mit KI. [3.7.25]
Falck, J. & Flick, M. (2024). KI-Leitfaden für den Unterricht. [3.7.25]
Falck, J. & Flick, M. (2025). KI-Leitfaden – Prüfen & Bewerten [3.7.25]
Minor, L. (2023). Sind Textroboter das Ende des Schulaufsatzes? [3.7.25]
Röhl, T. (2024). Schreiben lassen statt Abschreiben? Herausforderungen der schulischen Prüfungs- und Aufgabenkultur in Zeiten generativer KI. #schuleverantworten, 4(1), 44–50. [3.7.25]
Röhl, T. (o.J.). Das Ende der Hausaufgaben? Aufgaben- und Prüfungskultur in Zeiten der Künstlichen Intelligenz. [3.7.25]
Wilder, N. & Schindler, K. (2024). KI in der Grundschule – (k)ein Denkverbot. [3.7.25]
Wirthensohn, A. (2024). Was meinen Jugendliche zu KI? [3.7.25]