Der neuste Beitrag von SRF «Einstein» wagt ein Experiment mit KI. Die Sendung – moderiert von Kathrin Hönegger und Tobias Müller – widmet sich der Frage, welchen Einfluss KI auf unsere Hirnaktivität und Hormone hat und wie Schulen, Lehrpersonen sowie Entwickler*innen unsere Denkfähigkeit schützen und stärken möchten.

Im Mittelpunkt steht ein einfaches Experiment: Beide Moderator*innen verfassen einen Aufsatz zum Thema «Glück». Tobias arbeitet dafür mit ChatGPT, Kathrin recherchiert in Büchern und schreibt ihren Text von Hand mit Stift und Papier. Für ihre Buchrecherche in der Bibliothek erhält sie zusätzlich 30 Minuten. Entscheidend ist nicht der bessere Text, sondern Erkenntnisse darüber, was die Arbeit am Text emotional, kognitiv und in Bezug auf das Erinnerungsvermögen mit ihnen macht. Im Zentrum steht die Frage: «Was macht die Arbeit am Text mit uns?»

Das Experiment: Zwei Texte, zwei Erlebnisse

Vor und nach dem Schreiben füllen die beiden einen Fragebogen aus. Sind sie erschöpft oder inspiriert? Zudem testen sie ihr Stresslevel bzw. ihren Cortisolspiegel, denn das Gehirn wirkt sich auf Körperprozesse und die ausgeschütteten Hormone aus.

Selber schreiben von Hand: Ein persönlicher, emotionaler Prozess

Bereits die Recherche nach geeigneten Quellen aktiviert zahlreiche Hirnregionen, wie Hirncoachin Dr. Barbara Studer erklärt: präfrontale, temporale und cinguläre Bereiche, die mit Entscheiden, Planen und Sprachverständnis verbunden sind. Dazu kommen limbische Strukturen wie Hippocampus, Amygdala und Insula, die für Erinnerung, emotionale Bedeutsamkeit und Empathie stehen.

Beim Schreiben von Hand kommen motorische Prozesse dazu: Bewegungsplanung, Feinmotorik, Augen-Hand-Koordination. Studer betont, dass Schreiben etwas sehr Persönliches sei und dadurch automatisch emotional aktiviere. Oft wird dabei sogar das Belohnungssystem angeregt.

Kathrin (handschriftlich)

  • beschreibt zwei Wochen später, dass sie den Text regelrecht «fühlt»
  • Sie kann Anfang und Ende wörtlich wiedergeben
  • Der Aufbau und ihre Gedankengänge sind ihr präsent

Schreiben mit Unterstützung durch KI: Denken ja – aber anders

Während Kathrin blättert und notiert, formuliert Tobias seinen Prompt für ChatGPT. Obwohl die KI Textvorschläge liefert, bleibt Denken nötig: das Entscheiden, wie der Prompt aussehen soll, das Bewerten des KI-Ergebnisses und das Einfügen eigener Gedanken zum Thema Glück.

Laut Dr. Barbara Studer ist dabei vor allem der präfrontale Kortex aktiv sowie sprachliche und integrative Areale des Gehirns. Kontrollierende Prozesse stehen im Vordergrund. Persönliche, tiefgehende emotionale Aktivierungen treten dagegen weniger auf.

Studer weist darauf hin, dass wir mit KI unbewusst Denkprozesse abgeben. Wer nicht aufpasst, tendiert dazu, anstrengende Aufgaben auszulagern und verliert so ein Stück Selbstbestimmung.

Tobias (KI)

  • ist rasch fertig
  • zufrieden mit dem Ergebnis
  • Fünf Minuten später erinnert er sich jedoch kaum noch an seinen Text

Tobias verbindet zwei Wochen nach dem Schreiben emotional wenig mit dem KI-generierten Text und erinnert sich an keinen Satz, was ihn wenig erstaunt, da er den Text nicht selbst geschrieben hat. Kathrin erlebt das Schreiben von Hand dagegen als ganz anderes Erlebnis: Sie fühlt ihren Text, kann Anfang und Ende wörtlich wiedergeben und behält Aufbau sowie Gedankengänge langfristig im Gedächtnis.

Studer erklärt, dass das selbstständige Verfassen eines Textes deutlich stärkere Hirnaktivität auslöst als das reine Konsumieren eines generierten Textes. Untersuchungen zeigen, dass beim eigenständigen Verfassen rund 15-mal mehr Hirnaktivität entsteht, insbesondere im limbischen System, das für die emotionale Verarbeitung zuständig ist. Dadurch wird der Text nicht nur kognitiv, sondern auch emotional verankert.

Wie sich das Gehirn langfristig unter Einfluss von KI verändern wird, bleibt offen. Tobias zieht aus dem Experiment das folgende Fazit: Denken darf anstrengend sein. Ähnlich wie beim Sport bringt die Anstrengung einen echten Nutzen – selbst wenn man nicht immer Lust dazu hat. Die Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt, das eigene Denken aktiv einzusetzen, anstatt es vollständig an Maschinen abzugeben.

Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse auf das Lernen?

Prof. Dr. Bernadette Spieler, Forscherin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, untersucht den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Schulkontext. Eine Studie mit verschiedenen Klassen zeigte: Schüler*innen nutzen die Ergebnisse von KI-Tools oft unkritisch. Zwar werden die Antworten als gut empfunden, doch die Richtigkeit oder Qualität wird kaum hinterfragt. Dies wirft die Frage auf, wie Lernende lernen können, KI-Outputs reflektiert zu bewerten.

Expert*innen empfehlen, KI-Hilfsmittel (ca. 11–12 Jahre) einzusetzen. Der Grund: Das Gehirn muss zunächst grundlegende Lernprozesse durchlaufen, um Strukturen aufzubauen – etwa für das Erlernen von Fremdsprachen oder Instrumenten. Dr. Barbara Studer, Hirncoachin, betont, dass Lernen nie ausgelagert werden kann. Das Gehirn braucht äussere Stimulation, um Neuronen und Neuroplastizität zu entwickeln. Es muss lernen, mit Neuem umzugehen, Perspektiven zu wechseln und Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

Prof. Dr. Bernadette Spieler unterstreicht, dass kritisches Denken gezielt trainiert werden muss, besonders im Umgang mit KI-generierten Inhalten. Es gehe darum, Texte nicht nur zu konsumieren, sondern zu reflektieren: Wie kann KI kreativ genutzt werden? Wie erkenne ich Fehler oder Lücken in KI-Antworten?

Lernen bleibt ein aktiver Prozess: Ohne eigene Anstrengung und Auseinandersetzung mit dem Stoff ist nachhaltiges Lernen nicht möglich (siehe auch den früheren Beitrag «Wie lerne ich mit KI» aus unserem Blog)

Als weitere Herausforderung wird das Beurteilen genannt. Schriftliche Prüfungen bzw. das Niederschreiben von Wissen sind mit Sprachmodellen wie ChatGPT nun schnell gemacht. Eine oft genannte Alternative sind mündliche Prüfungen. Weitere Anregungen zu neuen Prüfungsformaten findest du in unserem Blogbeitrag «Prüfungsformate im Zeitalter von KI neu denken».

KI Challenge des ETH AI Center

Damit Jugendliche KI nicht nur nutzen, sondern selbst die technologische Zukunft mitgestalten, hat das ETH AI Center die KI Challenge ins Leben gerufen. Mit der Challenge möchte das ETH AI Center einen verantwortungsvollen, kreativen und selbstbestimmten Umgang mit KI fördern, indem junge Menschen ermutigt werden, nicht nur zu konsumieren, sondern selbst zu denken, zu gestalten und zu bauen.

Im Beitrag von SRF «Einstein» wird Lisa und ihr Projekt vorgestellt: Sie hat eine KI entwickelt, die erkennt, ob ein Zimmer aufgeräumt ist oder nicht. Mit ihrer Anwendung «MessCheck» nahm sie an der Challenge teil und empfiehlt allen Interessierten, unbedingt bei der nächsten Ausgabe dabei zu sein: https://www.ki-challenge.ch/.

Hast du Lust und Interesse an der nächsten KI Challenge mitzumachen?

Für die Challenge 2026 ist eine Anmeldung bis zum 5. April 2026 möglich, eine unverbindliche Info-Session findet am 25. Februar 2026 online statt. Teilnehmen können alle Schüler*innen zwischen 13 und 19 Jahren.

Die Aufgabe: ein eigenes Projekt einreichen, das ein gesellschaftlich oder wissenschaftlich relevantes Problem mithilfe von maschinellem Lernen adressiert. Dabei sollen die Teilnehmenden nicht nur verstehen, wie KI funktioniert, sondern lernen, eigene Lösungen von Grund auf zu entwickeln.

Zur Unterstützung stehen freiwillige Coachings durch Doktorand*innen des ETH AI Center zur Verfügung. Weitere Informationen findest du hier: https://www.ki-challenge.ch/infos.

(KI Challenge, 2026)

Quellen:

SRF Einstein (2025). KI im Kopf – Machen uns ChatGPT und Co. dumm? [9.12.25]

Hönegger, Kathrin (2025). Die Konstante des Glücks. [9.12.25]

Müller, Tobias (2025). Müssen Erfolge anderen zugutekommen, damit wir glücklich sind? [9.12.25]

Eine Antwort auf „Ein Essay verfassen – mit und ohne KI: Ein Selbstversuch von SRF «Einstein»“

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