Lernen begleitet uns ein Leben lang. Schon als Kinder erkunden wir spielerisch die Welt, probieren Dinge aus, scheitern und versuchen es erneut. Später sitzen wir in Klassenzimmern, lesen Bücher, hören Vorlesungen oder klicken uns durch Online-Kurse. Doch eines ist klar: Die Art und Weise, wie wir lernen, verändert sich und mit der Künstlichen Intelligenz (KI) beginnt gerade ein völlig neues Kapitel. Stimmen werden lauter und warner davor, dass das Denken zu stark an die KI ausgelagert wird und Lernen so zum bequemen Konsumgut verkommt. Doch Spoiler: Ohne eigene Anstrengung funktioniert Lernen einfach nicht.
Lernen braucht auch eine gewisse Anstrengung
Bevor wir darauf eingehen, wie das Lernen mit KI gelingen kann, ohne geistig bequem zu werden, werfen wir einen Blick darauf, wie Lernen überhaupt funktioniert und was es dafür braucht.
Wie wir lernen: Wo habe ich mein Wissen & Können abgelegt?
Ein anschauliches Bild liefert das Bibliotheksmodell: Beim Lernen wird ein neuer Band in die persönliche Bibliothek gestellt und der Band ist der Lernstoff. Damit wir später darauf zugreifen können, müssen wir nicht nur wissen, dass es das Buch gibt, sondern auch, wo es steht. Mit anderen Worten: Wir speichern nicht nur den Stoff, sondern auch den Abrufweg. Dieser wird durch wiederholtes Abrufen, also Selbsttesten, gefestigt.wie
Darum ist es zentral, auch die Wiedergabe zu üben. Lernen besteht immer aus zwei Schritten: Informationsaufnahme (lesen, hören) und Wiedergabe (erzählen, schreiben, testen). Besonders wirksam ist es, den Stoff nach einer gewissen Zeit gezielt abzufragen, etwa mithilfe von Karteikarten. Viele Studien zeigen: Lernen ist dann nachhaltig, wenn Information mehrfach aktiv abgerufen wird (vgl. Bjork et al., 2013).
Die richtige Wiederholung bedeutet also nicht, denselben Text mehrfach zu lesen. Stattdessen gilt: lesen, einordnen, anreichern – und vor allem abrufen. Nur wenn der Abruf unvollständig ist, sollte nochmals gelesen werden (vgl. Metzig/Schuster, 2025). Strategien sind damit entscheidend, um Wissen wirklich zu verankern.
Und genau hier kommt die KI ins Spiel. Sie liefert uns zwar unendlich viele Informationen – Texte, Audio oder Bilder –, doch das heisst noch lange nicht, dass wir diese auch abspeichern und abrufen können. Es braucht nach wie vor die passenden Lernstrategien. Aber wie kann das konkret aussehen?
Lernstrategien im Zeitalter der KI: Ohne Übung kein Lernen
Die allgemeinen Bedingungen des Lernens bilden den Rahmen, in dem Lernaktivitäten stattfinden. Je nach Lernstoff erfordern diese Aktivitäten unterschiedliche Methoden. Während Texte auf das Wesentliche reduziert werden sollten, da wortwörtliches Auswendiglernen kaum Sinn ergibt, gilt für Fakten wie Daten oder Definitionen das Gegenteil: Sie dürfen nicht gekürzt werden und lassen sich leichter einprägen, wenn sie durch zusätzliche Informationen in einen grösseren Zusammenhang eingebettet werden – eine Technik, die als elaboratives Lernen bezeichnet wird. Schon Kinder können altersgemäss einfache Lerntechniken wie die Ersatzwortmethode anwenden. Mit zunehmendem Alter sollten Schülerinnen und Schüler zudem darin unterstützt werden, ihr Lernen bewusst zu reflektieren, sich selbst zu motivieren, Informationen eigenständig zu beschaffen, zu verarbeiten und gezielt wieder abzurufen.
Wichtig bleibt: Anstrengung ist unverzichtbar. Reine Anstrengung allein garantiert jedoch keinen Lernerfolg – erfolglose Prüfungen hängen oft auch mit ungünstigem Lernverhalten zusammen. Einfluss hat insbesondere, wie Lernende ihre Arbeit planen, Zeit einteilen und üben. Üben ist ein wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses. Metzig & Schuster (2020, S. 38) schlagen unter anderem folgende Methoden zum Üben vor:
Übungen verteilen
Vor dem Schlafengehen wiederholen
Auf Tonband sprechen und abhören
Sich selbst laut vorsprechen
Stichworte machen und danach laut einen Vortrag halten
Text aus unterschiedlichen Perspektiven lesen
Informationen aus unterschiedlichen Perspektiven abrufen
Jemandem erzählen, was im Text steht
- Sich von anderen abhören lassen
Sich Fragen zum Text stellen und diese laut beantworten
Die 5 wichtigsten Gedanken aus jedem Kapitel aufschreiben
Zu den wichtigsten Gedanken ein Beispiel, eine Anwendung, ein Experiment o. Ä. ausdenken und aufschreiben
Ein Schema zeichnen
Bildhafte Vorstellungen entwickeln
Stoff neu gliedern
Fällt dir etwas auf? Genau, wirklich neu ist das alles nicht. Im Kern drehen sich diese Strategien immer um das aktive Abrufen von Wissen und Können, und genau dabei kann uns KI in manchen Punkten unterstützen. Das eigentliche Problem bleibt jedoch bestehen: Ohne eigene Anstrengung werden Inhalte nicht tief verarbeitet und bleiben an der Oberfläche. Die entscheidende Frage lautet also: Wie lässt sich KI so einsetzen, dass sie Lernen tatsächlich bereichert?
Wie kann ich mithilfe von KI nun lernen?
Sauter und Stoller-Schai (vgl. 2025) schlagen vor, KI als sokratische Lernpartnerin einzusetzen. Das heisst: KI unterstützt, indem sie Fragen stellt, Ansätze hinterfragt und zum kritischen Denken anregt. Dieser Ansatz ist nicht neu – bereits Montessori- und Waldorfpädagogik setzen auf Lernen durch Entdecken und aktive Beteiligung. Im Unterschied dazu spuckt KI oft direkt fertige Lösungen aus.
Darüber hinaus ist Lernen mehr als ein kognitiver Prozess. Emotionale und soziale Dimensionen spielen eine zentrale Rolle. Wissen allein verändert Verhalten nicht – erst Gefühle, Motivation und soziale Erfahrungen führen dazu, dass Menschen ihr Verhalten tatsächlich ändern. Lernen ist ein zutiefst menschlicher Vorgang: Nicht das Gehirn lernt, sondern der Mensch.
Damit Lernen mit KI gelingt, braucht es demnach eine soziale und emotionale Einbettung. Anhand einiger Beispiele möchten wir das Ganze anschaulicher und praxisnaher darstellen, denn klar ist: Das Lernen mit KI darf nicht isoliert stattfinden!
1. KI als Wissenswerkzeug in sozialer Einbettung
KI liefert Fakten und Übungen im optimalen Fall als Dialog, doch Lernen braucht auch den realen Austausch. Lehrpersonen sollten Ergebnisse in Gruppenarbeit oder Diskussionen einbinden.
Beispiel: Schülerinnen nutzen KI, um Infos zu Klimawandel zu erarbeiten und diskutieren danach in Teams, welche Massnahmen sinnvoll sind.
3. Reflexion und Haltung entwickeln
Schüler*innen sollen ihr Lernen und den Umgang mit KI kritisch hinterfragen.
Beispiel: Nach einer KI-Antwort überlegen die Lernenden: «Kann das stimmen? Wie überprüfe ich das?»
2. Emotionale Einbettung schaffen
Lernen wird nachhaltiger, wenn es Gefühle anspricht. KI-Aufgaben sollten Neugier oder Freude wecken.
Beispiel: Eine KI hilft, eine kreative Geschichte zu beginnen, die Schüler*innen dann selbst weiterschreiben.
4. Ganzheitliches Lernverständnis
KI unterstützt den Kopf, die Lehrperson sorgt für Herz und Hand. So wird Wissen in Handeln umgesetzt.
Beispiel: KI erklärt den Bau eines Insektenhotels, die Klasse baut es gemeinsam und erlebt die Wirkung vor Ort.
KI eröffnet neue Chancen für das Lernen. Doch entscheidend bleibt: Ohne eigene Anstrengung, ohne Abrufen und Üben und ohne Einbettung in soziale und emotionale Dimensionen gibt es keinen nachhaltigen Lernerfolg. KI kann ein wertvolles Werkzeug sein, wenn sie uns zum Denken, zum Reflektieren und zum Anwenden anregt und nicht, wenn sie uns alles abnimmt. Lernen mit KI bedeutet also nicht weniger Anstrengung, sondern vielmehr: klüger üben, vertiefter verstehen und daran wachsen.
Quellen:
Lesperance, K., Holzmeier, Y., Munk. S., Holzberger, D. (2023). SelbstreguliertesLernen fördern. Lernstrategien im Unterricht erfolgreich vermitteln. [25.8.2025]
Metzig, W. & Schuster, M. (2020). Lernen zu lernen. [25.8.2025]
Renkl, A. (2010). Lehren und Lernen. [25.8.2025]
Sauter, W. & Stoller-Schai, D. (2025). Selbstorganisiertes Lernen mit generativer KI. [25.8.2025]
studyflix (o.J.) Lernstrategien. [25.8.2025]