Seit dem 10. Dezember 2025 zwingt ein wegweisendes Gesetz in Australien Social-Media-Plattformen dazu, Minderjährige unter 16 Jahren zu sperren. Das Ziel der Regierung unter Premierminister Anthony Albanese ist es, «Kindern ihre Kindheit zurückzugeben und deren Eltern ihre innere Ruhe» (vgl. Fardouly, 2025). Die Minderjährigen sollten seitdem keinen Zugang mehr zu den Plattformen Facebook, Instagram, Snapchat, Threads, TikTok, X, YouTube, Reddit und den Streaming-Plattformen Kick and Twitch haben.
Das Vorhaben findet weltweit Beachtung, da es um die psychische Gesundheit von Jugendlichen seit einiger Zeit schlechter steht (vgl. auch unseren Blogpost «Zwischen Leistungsdruck und Lebensfreude: Psychische Gesundheit von Jugendlichen»). Gemäss einer Studie von Unicef (2021) leidet auch die psychische Gesundheit von Jugendlichen in der Schweiz und Lichtenstein. So sei rund ein Drittel der 14-19 Jährigen von psychischen Problemen betroffen und jede/r Elfte habe schon versucht, sich das Leben zunehmen.
In der Längsschnittstudie COPSY (COrona und PSYche)-Studie) (Kaman et al., 2025) wurde untersucht inwiefern sich die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 22 Jahren in Zeiten globaler Krisen entwickelt. Seit der Pandemie hätte sich die psychische Gesundheit verschlechtert, besonders betroffen sind dabei Kinder und Jugendliche mit Zukunftsängsten.
Dabei wurde unter anderem auch ein hoher Medienkonsum dokumentiert, der mit belastenden Erfahrungen verbunden war. Rund 23 % der Befragten gaben an, dass ihnen soziale Medien nicht besonders guttun. Studien zeigen demnach, dass ein hoher Medienkonsum mit erhöhten Angst-, Depressions- und Stressleveln in Verbindung steht.
In Sorge um die psychische Gesundheit von Kinder und Jungedlichen versuchen Staaten weltweit Gegensteuer zu geben. Australien ging voran. Weitere Staaten diskutieren im Moment ein Verbot oder Einschränkungen im Gebrauch von Sozialen Medien. Ein Verbot scheint eine einfache und schnelle Lösung für das Problem zu sein. Uns stellt sich dementsprechend die Frage, ist ein Verbot die tatsächliche Lösung für das Problem oder welche weiteren Ansätze lohnt es sich, zu verfolgen? Wir gehen diesen Fragen im Blogpost auf den Grund.
Beispiel Australien: Was sagen die Menschen in Australien zum Verbot? Was sind ihre Erfahrungen?
Die offiziellen Zahlen klingen zunächst beeindruckend: Über 4,7 Millionen Konten wurden auf den betroffenen Plattformen bereits markiert oder deaktiviert (vgl. Morris, 2026). Erste Auswertungen deuten zudem darauf hin, dass die tägliche Nutzungszeit bei unter 16-Jährigen geringfügig gesunken ist (vgl. Bodoky, 2026). WhatsApp und YouTube Kids fallen nicht in diese Kategorie und sind weiterhin zugänglich.
Bisher scheinen die Massnahmen leicht zu umgehen zu sein. Viele Jugendliche nutzen VPNs, geben falsche Geburtsdaten an oder erstellen schlicht neue Accounts. Ein paradoxer und gefährlicher Nebeneffekt: Da sich viele Teenager nun als Erwachsene ausgeben, um die Sperren zu umgehen, erhalten sie ungefilterten Zugang zu Inhalten, die zuvor durch Jugendschutzfilter blockiert wurden (vgl. Morris, 2026).
Die australische Regierung ist zwar optimistisch, dass die Massnahme kurzfristig einige Schäden mindern könne, hat jedoch deutlich gemacht, dass niemand erwarten sollte, dass sie ein Wundermittel ist oder über Nacht zum Erfolg führt. Bei der Massnahme gehe es mehr darum, kulturelle Normen neu zu definieren und es somit Jahre dauern könne, bis sich die Vorteile vollständig zeigen würden (vgl. Morris, 2026).
Was sagen die Betroffenen? Stimmen der Jugendlichen
Die Reaktionen der Jugendlichen in Australien sind gespalten und reichen von Pragmatismus bis hin zu scharfer Kritik (vgl. Babst, 2026 / Morris, 2026):
- Der Reiz des Umgehens: Die 14-jährige Sarai berichtet, dass das Umgehen des Verbots «viel einfacher als erwartet» war. Ohne Identitätsprüfung oder Gesichtserkennung konnten sie und ihre Freunde problemlos neue Accounts erstellen.
- Kritik an den Prioritäten: Der 15-jährige Ewan hält das Verbot für eine Verschwendung von Ressourcen. Er argumentiert, das Geld hätte besser in die Regulierung der Plattformen oder in die digitale Bildung von Eltern und Kindern fliessen sollen.
- Wahrgenommene Heuchelei: Die 13-jährige Emily empfindet das Verbot als scheinheilig, da viele Eltern selbst ständig am Smartphone hängen und so ein problematisches Vorbild bieten.
- Unverhoffte positive Effekte: Trotz der Kritik bemerken einige Jugendliche subtile soziale Veränderungen. Da soziale Netzwerke als primärer Kommunikationskanal wegfielen, tauschten Schüler verstärkt Telefonnummern aus. Die 15-jährige Emma geniesst es, «Reels» nun gemeinsam mit Freunden persönlich anzuschauen, anstatt alleine darüber zu lachen.
Das Dilemma: Die Altersprüfung
Das grösste Problem beim Verbot ist, dass es schwer ist, das Alter der unter 16-jährigen zuverlässig zu prüfen. Plattformen versuchen das zum Beispiel mit Ausweis-Uploads, Video-Selfies oder Künstlicher Intelligenz, mithilfe der das Online-Verhalten und die Interaktionen einer Person analysiert werden, um ihr Alter zu schätzen («age interference») (vgl. Livingstone, 2026). Diese Methoden sind aber teuer, kompliziert und oft ungenau. Besonders bei Teenagern funktioniert die Gesichtserkennung oft nicht richtig (vgl. Bodoky, 2026).
Ausserdem gibt es grosse Sorgen bezüglich Datenschutz: sensible biometrische Daten müssten gespeichert werden. Kritiker*innen sagen auch, dass eine wirksame Alterskontrolle fast die komplette Anonymität im Internet aufheben würde, weil dann alle ihre Ausweise zeigen müssten, um zu beweisen, dass man nicht minderjährig ist (vgl. Bodoky, Livingstone & Fardouly).
Das sagen Expert*innen
Experten wie der Psychiater Ian Hickie kritisieren, dass das Verbot eine Schnellschusslösung für ein komplexeres Problem sei. Die wissenschaftliche Basis für einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Social-Media-Zeit und psychischen Problemen der breiten Bevölkerung sei begrenzt. Zudem warnt Hickie, dass das Verbot marginalisierten Gruppen die Möglichkeit nehmen könnte, online Gemeinschaften und Unterstützung zu finden (vgl. Babst, 2026).
Matthias Kettemann, Professor für Innovations- und Internetrecht und Leiter eines Forschungsprogramms zu Regeln digitaler Kommunikationsräume am Leibniz-Institut für Medienforschung, sagt in einem Interview mit «DW News», dass ein Social-Media-Verbot für Kinder keine gute Lösung ist. Stattdessen sollte der Fokus darauf liegen, Plattformen gesetzlich zu verpflichten, ihre Geschäftsmodelle zu ändern und Kinder besser zu schützen.
Ein zentrales Argument von Kettemann ist, dass ein Social-Media-Verbot die Kommunikationsrechte von Kindern einschränkt. Das eigentliche Problem sieht er vielmehr in den Plattform-Designs, die Nutzer*innen süchtig machen, etwa durch Infinite Scroll, Autoplay oder stark personalisierte Empfehlungen. Daher plädiert er dafür, dass Regierungen Unternehmen stärker regulieren, anstatt Kinder einfach vom Internet auszuschliessen.
Globaler Ausblick: Wer folgt Australien?
Australiens Vorstoss hat eine Kettenreaktion ausgelöst. Viele Länder beobachten das Experiment genau und planen eigene Schritte (vgl. Bodoky, 2026):
- Frankreich: Hier soll ein Nutzungsverbot für unter 15-Jährige kommen. Parallel wird darüber diskutiert, das bereits bestehende Handyverbot an Grund- und Mittelschulen auf Gymnasien auszuweiten.
- Vereinigtes Königreich: Im Januar 2026 stimmte das britische Oberhaus einem Vorschlag für Einschränkungen bei unter 16-Jährigen zu. Ein komplettes Verbot sei noch nicht beschlossen, aber möglich.
- Deutschland: In der Politik wird intensiv über Altersgrenzen und Jugendversionen debattiert. Die CDU fordert ein Verbot für unter 14-Jährige und einen speziellen «Jugendmodus» für 14- bis 16-Jährige.
- Spanien: Auch hier stehen Altersgrenzen (oft ab 16 Jahren) und Jugendschutzpakete im Fokus der politischen Agenda.
- Schweiz: Der Bundesrat beobachtet die Situation moderat. Während Petitionen ein Verbot ab 16 fordern, plädieren Fachkommissionen (EKKJ) eher für Prävention und Medienkompetenz.
Das australische Modell zeigt, dass ein gesetzliches Verbot zwar kulturelle Normen hinterfragt, technisch aber noch leicht auszuhebeln ist. Ob es die psychische Gesundheit tatsächlich verbessert oder Jugendliche lediglich in weniger regulierte Räume drängt, bleibt abzuwarten – Studien hierzu werden erst für Mitte 2027 erwartet.
Quellen:
Babst, A. (2026). Australien hat Social Media für Teenager verboten. Es ist der weltweit erste Versuch dieser Art. Was hat sich verändert? [2.3.26]
Bodoky, F. (2026). Social-Media-Verbot für Jugendliche: Das planen europäische Staaten. [2.3.26]
Da Silva, G. (2026). Das Social-Media-Verbot für Teenager ist paternalistisch und gefährlich. Es gibt bessere Mittel, um Kinder im Internet zu schützen. [2.3.26]
DW News (2026). Can studies prove the effectiveness of a social media ban? | DW News. [10.3.26]
Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ (2024). Nachhaltige Förderung der psychischen Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. [9.3.26]
Fardouly, J. (2025). Potential effects of the social media age ban in Australia for children younger than 16 years. [10.3.26]
Kaman, A., Erhart, M., Devine, J. et al. (2025). Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Zeiten globaler Krisen: Ergebnisse der COPSY-Längsschnittstudie von 2020 bis 2024. Bundesgesundheitsbl 68, 670–680. https://doi.org/10.1007/s00103-025-04045-1
Livingstone, H. (2026). Australia has banned social media for kids under 16. How does it work? [10.3.26]
Marshall, M. (2026). Does limiting social media help teens? We’re about to find out. [2.3.26]
Morris, D. (2026). Five young teens on life under Australia’s social media ban: ‘It’s not a big deal any more’. [10.3.26]
Unicef (2021). Psychische Gesundheit von Jugendlichen Studie zur Situation in der Schweiz und Liechtenstein. [9.3.26]
2 Anworten auf „Social Media Verbot in Australien: Welche Auswirkungen hat es wirklich?“
Ein spannender Beitrag, vielen Dank!
Das Thema ist hochbrisant. Auf der einen Seite finde ich es extrem wichtig, Kinder und Jugendliche zu schützen – und möglichlist die Gehirnentwicklung und -Gesundheit zu fördern. Ob ein Verbot da der richtige Weg ist, wage ich zu bezweifeln… die Jugendlichen sagen ja selbst, wie einfach es ist, das Verbot zu umgehen. Der Ansatz, schärfere Regulierungen bei den Anbietern zu implementieren (z.B. keine Suchtfördernden Algorithmen) und die Sensibilisierung und Aufklärung von Kindern, Jugendlichen und Eltern, scheint mir da zielführender… was nicht heisst, dass eine Umsetzung einfach wäre 😅
Liebe Andrea
Vielen Dank für den wertvollen Beitrag, du triffst den Kern der Sache. Ich bin zudem der Meinung, dass Tech-Konzerne mehr in die Verantwortung genommen werden müssen. Dabei stellt sich möglicherweise die Frage nach einem Ausgleich: Welche Handlungsspielräume sollten Tech-Unternehmen im Sinne ihrer Geschäftsinteressen haben und ab wann beginnt ihre Verantwortung gegenüber den Menschen, die ihre Angebote nutzen? Hier müsste die Politik stärker ansetzen und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.
Ganz liebe Grüsse
Andrea