Begriffe wie «individualisiertes», «personalisiertes» oder «selbstgesteuertes Lernen» prägen seit Jahren die bildungspolitische Debatte. Sie klingen modern, progressiv und werden durch den Aufstieg von Anwendungen rund um Künstliche Intelligenz noch stärker befeuert. Denn wer möchte nicht, dass jedes Kind im eigenen Tempo und nach eigenen Interessen lernen kann?
Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie sieht diesen Trend kritisch. Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2025 in Berlin warnte er vor einer Überbetonung der Eigensteuerung. «Ich bin kein Fan von personalised oder individualised learning. Ich bevorzuge customised learning – weil es auf den Einzelnen in der Gruppe zugeschnitten ist», sagte Hattie in seinem Vortrag (Hattie, 2025, Konferenz Bildung Digitalisierung).
In seiner Forschung zeigt sich, dass die Effekte vieler dieser Lernformen eher gering bleiben: Die Effektstärken für schüler*innengesteuertes Lernen liegen im Durchschnitt bei 0.03, für individualisiertes Lernen bei 0.26 – deutlich unter der Schwelle von 0.4, die Hattie als Grenze für eine signifikante Wirksamkeit bezeichnet. «Das Versprechen der Individualisierung ist grösstenteils rhetorisch», so Hattie in seinem Blogbeitrag auf der Website des Deutschen Schulportals.
Lernen braucht Gemeinschaft – nicht Isolation
Für Hattie liegt das eigentliche Problem nicht in der Anpassung von Lerninhalten, sondern in der Idee des Alleinlernens. Lernen sei immer auch sozial, betont er. Es entstehe im Austausch, im Dialog, im gemeinsamen Denken. «No one enters a class to learn that which they already know. It requires courage», sagte Hattie in Berlin. Mut, sich auf Neues einzulassen, entstehe vor allem in einer Lernkultur, in der Fehler als Chancen gesehen werden.
Hattie plädiert deshalb für eine Rückbesinnung auf das, was Schule im Kern ausmacht: gemeinsames Lernen, geteilte Verantwortung und ein hohes Mass an professioneller Begleitung. Lehrpersonen sollen nicht «Kontrolle abgeben», sondern die Lernenden schrittweise dazu befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Sein Ziel: Schülerinnen und Schüler sollen lernen, «to drive their own learning» – aber erst dann, wenn sie gelernt haben, was gute Lernqualität überhaupt bedeutet.
Lehrpersonen als Expertinnen und Experten des Lernens
In seinem Buch «10 mindframes for visible learning: Teaching for success» (Hattie & Zierer, 2024) beschreibt Hattie Expertise als eine «Symbiose aus Kompetenz und Haltung». Erfolgreiche Lehrpersonen redeten nicht über das Lehren, sondern über das Lernen. Sie gestalteten ihren Unterricht so, dass er an das Vorwissen der Lernenden anknüpfe und deren Lernerfolg gezielt weiterführe:
«Successful teachers talk about learning, not about teaching, and start and end their pedagogical and didactic considerations with the learner and their learning successes and skills»
Hattie & Zierer, 2024
Lehrpersonen, so Hattie, müssten hohe Erwartungen an alle Schülerinnen und Schüler haben und gleichzeitig die Lernprozesse so gestalten, dass sie weder zu einfach noch zu schwierig seien – das sogenannte Goldilocks-Prinzip (Hattie, J. & Zierer, K., 2024a). Erfolgreiche Lehrpersonen sähen Lernen als herausfordernde, aber lohnende Arbeit, die von klaren Zielen, Feedback und sozialen Interaktionen getragen werde.
Diese Haltung bildet das Fundament dessen, was Hattie als professionelles Urteilsvermögen bezeichnet: Unterricht beruht nicht auf Intuition, sondern auf der Fähigkeit, Lernprozesse gezielt zu beobachten, zu deuten und zu steuern.
Massgeschneidertes Lernen – eine andere Form der Individualisierung
Als Gegenmodell zu personalisiertem und selbstgesteuertem Lernen schlägt Hattie das Konzept des massgeschneiderten Lernens (engl. customized learning) vor. Es geht dabei nicht darum, jedem Kind einen eigenen Lernpfad oder ein individuelles Curriculum zu geben. Vielmehr sollen Lehrpersonen den Unterricht so anpassen, dass alle Lernenden gefordert und zugleich unterstützt werden.
Massgeschneidertes Lernen beruht auf diagnostischer Kompetenz: Lehrpersonen erkennen, wo Lernende stehen, und passen Inhalte, Tempo und Methoden so an, dass ein Lernfortschritt möglich wird. Diese Anpassung geschieht innerhalb einer Gemeinschaft, nicht durch deren Auflösung in Einzelpfade. «Learning should not be exclusively transferred into the hands of the learners, as they do not always know the next best learning steps», meint Hattie. Damit stellt Hattie klar: Individualisierung ist Aufgabe der Lehrperson, nicht der Lernenden selbst. Lehrpersonen schaffen Lerngelegenheiten, in denen Schüler*innen Verantwortung übernehmen, aber weiterhin begleitet werden.
Feedback und Fehlerkultur als Schlüssel
Feedback ist für Hattie das Herz wirksamen Unterrichts. Lehrpersonen geben viel Rückmeldung, doch Lernende nehmen davon laut Hattie im Schnitt nur «acht bis zehn Sekunden pro Tag» wirklich auf. Entscheidend sei nicht die Menge, sondern dass Feedback gehört, verstanden und umgesetzt werde.
Ebenso wichtig ist eine Kultur des Fehlermachens: Lernen gelingt nur dort, wo Irrtümer Lerngelegenheiten statt Blamagen sind.
Mit der Künstlichen Intelligenz eröffnen sich neue Möglichkeiten: Lernende können Rückmeldungen häufiger hören, verstehen und anwenden. KI kann Feedbackprozesse unterstützen, etwa durch wiederholtes Üben oder unmittelbare Rückmeldungen, aber sie ersetzt keine Lehrperson.
As students learn AI, we have to teach them to judge the quality. Is it right or wrong? Is it good enough? Do they need to seek more information? Was the question they asked appropriate?
Forum Bildung Digitalisierung, 2025
Lernen mit KI verlangt also, die Qualität von Informationen zu prüfen und daraus zu lernen. Eine Kompetenz, die nur im Zusammenspiel von Technik und pädagogischer Führung entsteht. Hatties Botschaft ist klar: Wirkungsvolles Lernen entsteht nicht durch maximale Individualisierung, sondern durch kluge Anpassung im sozialen Miteinander. Lehrpersonen bleiben die zentralen Architekt*innen dieses Lernraums – unterstützt, aber nicht ersetzt durch Technologie.
Quellen:
Forum Bildung Digitalisierung (2025). #KonfBD25: Keynote von John Hattie „Visible Learning in the context of personalized learning“. [29.10.25]
Hattie, J. & Zierer, K. (2024a). Visible Learning: Lesson Planning – An Evidence-Based Guide for Successful Teaching. Routledge. DOI: 10.4324/9781003051701. [29.10.25]
Hattie, J., & Zierer, K. (2024b). 10 mindframes for visible learning: Teaching for success (Second edition). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003430124
Hattie, J. (2025). John Hattie warnt vor falsch verstandener Individualisierung des Lernens. [29.10.25]
Eine Antwort auf „John Hattie: Lernen ist kein Alleingang“
Liebe Andrea
Ich liebe deine Blogs und versuche sie möglichst alle zu lesen. Du schreibst so klar und verständlich zu aktuellen Themen. Du ersparst mir sehr viel Recherchearbeit. Vielen Dank!