Jahrzehntelang galt der Hochschulabschluss als sichere Investition in die Zukunft: mehr Lohn, mehr Jobsicherheit, mehr Aufstiegschancen. Dieses Versprechen bröckelt - auch wegen KI.

Lohnt sich ein Studium noch? Ist die Lehre sicherer? Und was macht KI mit den Berufen, auf die wir heute ausbilden? Ein Blick auf aktuelle Daten zeigt: Das Bild ist differenzierter, als öffentliche Debatten oft vermuten lassen.

Warum das Vertrauen in den Hochschulabschluss bröckelt

Hinter dem sinkenden Vertrauen stecken mehrere Entwicklungen, die zusammenspielen. Erstens sind deutlich mehr Menschen mit Hochschulabschluss auf dem Arbeitsmarkt als noch vor zwanzig Jahren – das Angebot hat die Nachfrage in einigen Bereichen überholt. In Grossbritannien etwa stieg der Anteil der Studierenden von 6 % (1983) auf 36 % (2025), was zwangsläufig den Wettbewerb unter Absolventinnen erhöht (vgl. Weale, 2026). Zweitens trifft dieser grössere Andrang auf eine geschwächte Konjunktur: Unternehmen stellen generell weniger ein (vgl. Thoma, 2026). In Deutschland hat sich die Zahl der unter 30-Jährigen mit Hochschulabschluss ohne Stelle zwischen 2022 und 2025 fast verdoppelt (vgl. Thoma, 2026). Drittens übernimmt KI zunehmend genau jene Tätigkeiten, mit denen Berufseinsteigerinnen früher erste Erfahrungen sammelten – Recherche, Textarbeit, Standardanalysen (vgl. Siegenthaler, 2026). Und viertens: Der öffentlich wahrgenommene Fachkräftemangel betrifft vor allem handwerkliche Berufe, was die Lehre sichtbar attraktiver erscheinen lässt. In Österreich nennen gemäss der Ö3 Jugendstudie 2026 deshalb 38 % der 16- bis 25-Jährigen die Lehre als chancenreichsten Weg, nur 29 % das Studium (vgl. studium.at, 2026).

Diese Wahrnehmung ist also nicht aus der Luft gegriffen – sie reflektiert echte Veränderungen. Trotzdem zeigen die Arbeitsmarktdaten, dass tertiäre Bildung weiterhin wirksam vor Arbeitslosigkeit schützt. In Österreich lag die Arbeitslosenquote von Akademikerinnen im März 2026 bei 3,6 %, jene von Lehrabsolventinnen bei 6,5 % (vgl. studium.at, 2026). 

In der Schweiz ist die Zahl der Arbeitslosen mit einem universitären Masterabschluss deutlich gestiegen: zwischen 2010 und 2025 um rund 70 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der Arbeitslosen mit einer beruflichen Grundbildung um 40 Prozent. Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit bei Personen mit einem Tertiärabschluss insgesamt tiefer: Im Oktober 2025 lag ihre Arbeitslosenquote bei 2,2 Prozent, gegenüber 2,7 Prozent bei Personen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II (Chuard-Keller, 2025).

Abb.1: Erwerbslosenquote 1 Jahr nach Abschluss (Quelle: Chuard-Keller, 2025)

Beim Einkommen zeigen sich klare Unterschiede. Absolventinnen und Absolventen von Universitäten oder ETH verdienen im Median CHF 10’533 pro Monat, Fachhochschulabsolventen CHF 9’288 und Fachkräfte mit EFZ CHF 6’390 (BFS, 2024). Eine Berufslehre bleibt jedoch finanziell attraktiv: Der Medianlohn von Personen mit EFZ liegt nur CHF 634 unter dem Schweizer Medianlohn von CHF 7’024. Der grösste Lohnsprung erfolgt erst mit einem Hochschulabschluss (+65 %).

Der Hochschulabschluss verliert also nicht grundsätzlich an Wert – aber das alte Versprechen, dass ein Abschluss allein den Weg ebnet, stimmt so nicht mehr.

KI verändert, welche Tätigkeiten sicher sind

Jahrzehntelang galt: Wer gut ausgebildet ist, wird von Automatisierung weniger betroffen. Dieses Bild hat sich verschoben. Neuere Studien zeigen einen Wandel bei den von Automatisierung betroffenen Berufen. Während früher vor allem manuelle und repetitive Tätigkeiten als gefährdet galten, betrifft das Risiko heute zunehmend qualifizierte Berufe mit kognitiven Aufgaben, die durch KI unterstützt oder ersetzt werden können (SKBF, 2026, S. 327).

Wichtig dabei: KI ersetzt nicht einfach alle Hochqualifizierte. Der Bildungsbericht Schweiz 2026 zeigt, dass Hochqualifizierte zwar stärker durch KI konkurrenziert werden, gleichzeitig aber auch am meisten von einer komplementären Nutzung profitieren können. Wer keine weiterführende Bildung hat, ist weniger direkt betroffen, kann KI aber auch kaum produktiv einsetzen (SKBF, 2026, S. 356). Das Bild ist also ambivalent – KI ist Bedrohung und Werkzeug zugleich.

Das duale Bildungssystem: Warum die Schweiz anders funktioniert

Die Debatte «Studium oder Lehre?» wird in der Schweiz anders geführt als in vielen anderen Ländern und das hat einen strukturellen Grund. Anders als in Systemen, in denen die Berufslehre als Bildungsweg zweiter Wahl gilt, sind in der Schweiz beide Wege gesellschaftlich anerkannt und aufeinander aufgebaut. 

Entscheidend ist die Durchlässigkeit des Systems: Eine Berufslehre ist kein Endpunkt. Mit einer Berufsmaturität steht der Weg an eine Fachhochschule offen, mit einem eidgenössischen Fachausweis oder Diplom erreichen viele Fachkräfte Löhne auf Uni-Niveau (vgl. BFS, 2026). Fachhochschulen nehmen dabei eine besondere Stellung ein: Sie kombinieren akademische Ausbildung mit Pflichtpraktika und Praxisprojekten und sprechen damit Arbeitgeber an, die praxisnahe Absolventinnen suchen. In vielen Bereichen bevorzugen Unternehmen denn auch Berufseinsteigerinnen mit konkreter Praxiserfahrung gegenüber rein akademisch ausgebildeten Absolvent*innen (Chuard-Keller, 2025). 

Zwischen den Bildungswegen bestehen Unterschiede. Ein Jahr nach Abschluss liegt die Erwerbslosenquote bei Absolventinnen und Absolventen der höheren Berufsbildung bei rund zwei Prozent und damit auf Vollbeschäftigungsniveau. Fachhochschulabsolventen weisen leicht höhere, Universitätsabsolventen deutlich höhere Quoten auf (Chuard-Keller, 2025). 

Das ist relevant für die KI-Debatte: Die Fähigkeit, Gelerntes schnell in der Praxis anzuwenden und auf Veränderungen zu reagieren, wird in einem zunehmend von KI geprägten Arbeitsmarkt wichtiger. Das duale System – mit seinen Übergängen zwischen Beruf und Hochschule – bietet dafür eine Grundlage, die in anderen Ländern so nicht existiert.

Pädagogische Hochschulen: Günstige Ausgangslage, auch mit Blick auf KI

Absolventinnen und Absolventen der Pädagogischen Hochschulen (PH) steigen besonders schnell und erfolgreich ins Berufsleben ein. Bereits nach drei Monaten arbeiteten 80 Prozent in einer qualifizierten Stelle – bei Fachhochschul-Bachelorabsolventen (FH) sind es 46 % und bei Universitäts-Masterabsolventen (UH) waren es mit 55 Prozent deutlich weniger. Der rasche Einstieg erklärt sich teilweise dadurch, dass viele PH-Absolventen bereits einen Lehramtsabschluss besitzen und die Ausbildung berufsbegleitend absolvieren.

Nach einem Jahr stieg der Anteil auf 87 Prozent, auch das klar über dem Niveau der Fachhochschulen (60%) und Universitäten (78%). Die Lage ist gegenüber 2021 stabil (vgl. Federal Statistical Office, 2024). 

Diese Zahlen können sich durch die Struktur des Berufsfelds erklären lassen: Möglichkeit zur berufsbegleitenden Ausbildung, strukturierte Anstellungsbedingungen im öffentlichen Sektor, stabile regionale Nachfrage dank Lehrpersonenmangel. Im Hinblick auf KI gilt der Beruf der Lehrperson als vergleichsweise robust. Das gilt auch für andere Berufe, die auf körperliche Präsenz, zwischenmenschlichen Kontakt und Verantwortung basieren (vgl. studium.at, 2026).

Fazit: Studium oder Lehre – eine Frage ohne einfache Antwort

Grundsätzlich gibt es keine klare Antwort auf die Frage. Langfristig bietet ein Hochschulabschluss höhere Löhne, tiefere Arbeitslosenquoten und mehr Flexibilität bei der Berufswahl. Die Lehre punktet mit einem schnellen Berufseinstieg, frühem Einkommen und gerade im handwerklichen Bereich einer zunehmenden Robustheit gegenüber KI. Wer an einer Pädagogischen Hochschule studiert, kombiniert beides: gute Beschäftigungssicherheit, vergleichsweise hohe Löhne und ein Berufsfeld, das durch KI zwar verändert, aber nicht ersetzt wird.

Was sich aber klar verändert hat: Die Frage «Studium oder Lehre?» ist weniger entscheidend als die Frage nach der Fachrichtung. Wer in einem durch KI stark exponierten Bereich ausbildet, ob mit oder ohne Hochschulabschluss, steht vor grösseren Unsicherheiten als jemand, der einen praxisnahen, beziehungsorientierten oder handwerklichen Weg einschlägt. Das duale Schweizer Bildungssystem bietet dabei einen Vorteil, den andere Länder nicht haben: Wege sind offen und können angepasst werden. Eine Erstausbildung ist kein Endpunkt.

SRF Impact: Arbeitslos trotz Studium

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