Der Bericht ist ein wichtiges Nachschlagewerk von Bund und Kantonen zum Schweizer Bildungssystem. Er fasst das aktuelle Wissen zusammen und ordnet es nach Bildungsstufen sowie nach drei Gesichtspunkten: Wie wirksam ist das Bildungssystem (Effektivität)? Wie sinnvoll setzt es seine Mittel ein (Effizienz)? Und wie gerecht sind die Bildungschancen verteilt (Equity bzw. Chancengerechtigkeit)?
Seit der ersten Ausgabe 2010 hat sich der Bildungsbericht fest etabliert. Für Bund und Kantone wie auch für die vielen weiteren Beteiligten im Bildungswesen ist er eine zentrale Informationsquelle. Er beantwortet wichtige Fragen – und zeigt zugleich auf, wo noch verlässliches Wissen fehlt oder bislang zu wenig vorhanden ist.
Dieser Beitrag soll dabei helfen, wesentliche Befunde hervorzuheben und einen ersten Überblick sowie einen Einstieg in den Bildungsbericht Schweiz 2026 zu bieten.
Vier bewusste Grundentscheide prägen die Berichterstattung seit zwanzig Jahren (SKBF, 2026, S. 10–11):
- Fokus auf Steuerungsrelevanz: Behandelt wird nur, was behördlich gesteuert wird – was in die Autonomie von Schulen, Hochschulen oder Lehrpersonen fällt, bleibt bewusst aussen vor. So lässt sich der Bericht nicht für Eingriffe in die pädagogische Autonomie instrumentalisieren.
- Teil eines Monitoringprozesses: Der Bericht ist End- und Ausgangspunkt eines Zyklus zugleich – er beurteilt die Zielerreichung und benennt neue Herausforderungen für die nächste Runde.
- Kein starres Indikatorensystem: Statt eines festen Kennzahlensets wählt der Bericht Flexibilität – feste Indikatoren bilden komplexe Phänomene ohnehin nicht vollständig ab und liessen wichtige Forschungsergebnisse aussen vor.
- Einheitliche Kriterien: Für die Vergleichbarkeit werden alle Bildungstypen nach denselben drei Massstäben beurteilt: Effektivität, Effizienz und Equity.
Leitend ist dabei die bildungspolitische Relevanz, nicht der neueste Forschungsstand. Darum benennt der Bericht offen, wo belastbare Antworten fehlen: Transparenz über Wissenslücken ist die Voraussetzung für künftig fundierte Aussagen (SKBF, 2026, S. 10).
Idealerweise durchläuft Berichterstattung vier Stufen: Diagnose, Ursachenanalyse, Massnahmenanalyse und Monitoring des Wandels. Bei den meisten Fragen steht der Bericht auch nach zwanzig Jahren erst auf den ersten beiden auch, weil sich das Bildungsumfeld laufend verändert. Sein nüchternes Fazit: Monitoring ist keine ausreichende, aber eine notwendige Bedingung für Verbesserungen; ohne es bliebe nur Versuch und Irrtum (SKBF, 2026, S. 11).
Zentrale Aspekte im Überblick
1. Demografische Trendwende
Kaum etwas prägt das Bildungssystem so stark wie die Bevölkerungsentwicklung. Die Schweiz hat Mitte 2024 erstmals die Neun-Millionen-Marke überschritten (SKBF, 2026, S. 16). Gleichzeitig sinken die Geburtenzahlen: Mit 78 081 Lebendgeburten im Jahr 2024 lag die Zahl rund 13 % unter dem Höchststand von 2021 (SKBF, 2026, S. 17). Für das 1. und 2. Primarschuljahr prognostiziert der Bericht bis 2034/35 einen Rückgang um 9,2 %. Wichtig ist aber die Differenzierung: Im 3. bis 8. Schuljahr fällt der Rückgang mit 5,8 % moderater aus, und die Sekundarstufe I wächst sogar weiter (+5,9 %) (SKBF, 2026, S. 35).
«Die Schulhäuser leeren sich» trifft also nur für die jüngsten Jahrgänge zu. Zudem altert die Gesellschaft spürbar: der Anteil der über 65-Jährigen steigt von 19 % (2025) auf rund 24 % bis 2055 (SKBF, 2026, S. 18).
Konkret für die Schulen: Nach Jahren steigender Schülerzahlen zeichnet sich ab dem Schuljahr 2026/27 eine Trendwende ab, besonders auf der Primarstufe – eine Folge der zwischen 2021 und 2024 um durchschnittlich rund 12,7 % gesunkenen Geburtenzahlen (SKBF, 2026, S. 34). Zugleich füllen sich die Klassen mit neuen Biografien: Seit 2023 verzeichnet die Schweiz, wesentlich infolge des Kriegs in der Ukraine, eine rekordhohe Zuwanderung (SKBF, 2026, S. 35). Schulen und Gemeinden müssen damit zwei Dinge gleichzeitig bewältigen: den Abbau von Regelklassen dort, wo Geburten fehlen, und die Integration neu zugewanderter Kinder.
2. PISA & Künstliche Intelligenz
Die wohl eindrücklichste Grafik des Berichts zeigt, wie rasant generative KI aufholt: Während durchschnittliche 15-Jährige rund 50 bis 60 % der PISA-Aufgaben lösen, erreicht ChatGPT inzwischen 90 % in Lesen und Naturwissenschaften und 60 % in Mathematik und kehrte seinen anfänglichen Mathematik-Rückstand innerhalb weniger Monate in einen Vorsprung um. Selbst auf den höchsten Kompetenzstufen, die nur 1 bis 8 % der Jugendlichen erreichen, liefert das Modell über 60 % korrekte Antworten (SKBF, 2026, S. 30).
Bemerkenswert wird das vor dem Hintergrund einer zweiten Entwicklung: Die Leistungen der 15-Jährigen haben sich zwischen 2015 bis 20222 in allen drei PISA-Bereichen verschlechtert (SKBF, 2026, S. 93). Die menschliche Vergleichsmarke sinkt also, während die Maschine steigt. Der Bericht zieht daraus keinen Alarmismus, benennt aber beide Seiten klar: Einerseits entsteht ein komplementäres Verhältnis von Mensch und Maschine mit grossen Produktivitätsgewinnen, andererseits die «Gefahr, dass bestimmte Tätigkeiten vollständig von der KI übernommen werden, was zu einer Substitution menschlicher Arbeit führt» (SKBF, 2026, S. 31).
3. Die Berufsbildung als tragende Säule
Das duale System bleibt der mit Abstand wichtigste Weg nach der obligatorischen Schule: Nach wie vor treten die meisten Jugendlichen in eine berufliche Grundbildung ein. Der Anteil sinkt allerdings langsam, von fast 73 % (2014) auf unter 70 % (2022), und das Referenzszenario des Bundes erwartet bis 2033 rund 68 % (SKBF, 2026, S. 112-113). Die Dynamik verschiebt sich also leicht in Richtung der allgemeinbildenden Schulen.
Trotz dieser Verschiebung bleibt die Berufslehre eine tragende Säule, nicht nur zahlenmässig: Über die Berufsmaturität besteht ein durchlässiger Anschluss an die Fachhochschulen (SKBF, 2026, S. 138). Diese Durchlässigkeit dürfte mit ein Grund für die weiter unten beschriebenen hohen Aufstiegschancen sein. Diesen Zusammenhang stellt der Bericht allerdings nicht ausdrücklich her. Wie stark Automatisierung und KI einzelne Berufe verändern, ist dabei eine offene, vom Bericht aufgeworfene Frage.
4. Der Übergang in die Sekundarstufe II: Das 95-Prozent-Ziel
Ein zentrales gemeinsame bildungspolitische Ziel von Bund und Kantonen lautet seit 2006: 95 % der 25-Jährigen sollen über einen Abschluss auf der Sekundarstufe II verfügen. Erreicht ist es nicht und der Trend zeigt zuletzt sogar nach unten: Die Abschlussquote sank auf rund 90 % (2022), wobei Frauen durchgehend besser abschneiden als Männer (SKBF, 2026, S. 116-117). Vor allem hängt der Erfolg stark von der Herkunft ab. Jugendliche aus benachteiligten Familien schaffen diesen Abschluss deutlich seltener. Der Übergang nach der obligatorischen Schule ist deshalb die Stelle, an der das System am stärksten gesteuert werden muss.
5. Hohe Aufstiegschancen:
eine überraschende Stärke
Eine der überraschendsten Zahlen des Berichts widerspricht der verbreiteten Klage über soziale Selektion: Nach neuen Berechnungen von Bühler et al. (2025) weist die Schweiz im internationalen Vergleich sowohl bei der intergenerationellen Einkommenselastizität als auch bei der Einkommenskorrelation unter Geschwistern den niedrigsten Wert auf (SKBF, 2026, S. 29). Beides deutet auf hohe Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft hin – der Werdegang der Kinder hängt vergleichsweise wenig vom Einkommen der Eltern ab.
Wichtig bleibt die Einordnung: Gemessen wird hier die Einkommensmobilität, nicht Chancengerechtigkeit in allen Facetten. Wie die folgenden Befunde zeigen, ist das Gesamtbild gemischt. Doch die Kombination aus Berufslehre und durchlässigen Bildungswegen löst das Versprechen des sozialen Aufstiegs offenbar besser ein als viele andere Systeme.
6. Sorge: Gesundheit von Jugendlichen
Hinter den stabilen Durchschnittswerten verbirgt sich eine besorgniserregende Entwicklung an den Rändern. Die Rate der Hospitalisierungen wegen mutmasslicher Suizidversuche bei 15- bis 19-jährigen Frauen hat sich seit 2017 mehr als verdoppelt (von 3,8 auf 9,5% pro 100 000 Einwohner*innen). Bei jungen Männern stieg sie ebenfalls stark, aber auf tieferem Niveau (von 1,5 auf 2,7 % auf 100 000 Einwohner*innen) (SKBF, 2026, S. 22). Besonders betroffen sind Mädchen aus bildungsfernen Familien. Mehrere Studien sehen einen Zusammenhang mit problematischer Nutzung sozialer Medien, wobei die Befundlage uneinheitlich ist (SKBF, 2026, S. 22).
Dem steht gegenüber, dass sich die grosse Mehrheit der Jugendlichen weiterhin als gesund und zufrieden bezeichnet (SKBF, 2026, S. 21). Die Mitte bleibt also stabil, während eine wachsende Minderheit in ernste Not gerät.
7. Ein Abschluss schützt nicht mehr automatisch vor Armut
Bildung gilt als bestes Mittel gegen Armut. Doch der Bericht zeigt, dass ein Abschluss allein immer weniger davor schützt. Zwar verfügen rund 75 % der Armutsbetroffenen über einen nachobligatorischen Abschluss, da aber 86 % der gesamten Bevölkerung einen solchen besitzen, ist das Diplom längst der Normalfall und damit keine Garantie für Wohlstand mehr (SKBF, 2026, S. 20). Zunehmend entscheidet, ob jemand über Vermögen und Ersparnisse verfügt, um Krisen abzufedern und nicht allein Abschluss oder Einkommen (SKBF, 2026, S. 20).
Weitere Befunde in Kürze
Über die sieben Aspekte hinaus lohnen sich zwei weitere Blicke:
- Grundkompetenzen Erwachsener (PIAAC): Die Schweiz liegt mit einer mittleren Lesekompetenz von 266 Punkten im internationalen Mittelfeld. Entscheidend ist die Verteilung: 22 % der Erwachsenen erreichen höchstens das tiefste Kompetenzniveau. Bei Zugewanderten aus Drittstaaten sind es 67 % (SKBF, 2026, S. 331). Bildung endet nicht mit dem Abschluss, und die Herkunft bleibt auch im Erwachsenenalter prägend.
- Kosten: Mit rund 42,6 Milliarden Franken öffentlicher Bildungsausgaben (2022) ist Bildung eine der grössten Staatsaufgaben. Gut die Hälfte entfällt auf die obligatorische Schule (SKBF, 2026, S. 34).
- Personal: Der Lehrpersonenmangel dürfte sich gegen Ende des Jahrzehnts allmählich auflösen: Sinkende Schülerzahlen, abnehmende Pensionierungen (die letzten Babyboomer-Jahrgänge sind bis 2029 ausgeschieden) und bis zu 20 % mehr Bachelorabschlüsse an den pädagogischen Hochschulen bis 2033 entspannen den Arbeitsmarkt deutlich (SKBF, 2026, S. 279).
Fazit
Der Bildungsbericht Schweiz 2026 zeichnet das Bild eines insgesamt leistungsfähigen, gut finanzierten Systems, das zugleich unter Druck steht: Eine alternde Bevölkerung und sinkende Geburtenzahlen verändern die Planungsgrundlagen, die Leistungen der 15-Jährigen sind langfristig rückläufig, und die generarative künstliche Intelligenz fordert die Schule heraus.
Für die Akteur*innen der Bildungslandschaft liegt der Wert des Berichts weniger in einzelnen Zahlen als in der gemeinsamen, verlässlichen Faktenbasis, die er schafft. Er zeigt, wo Handeln nötig ist und überlässt das Gestalten den Akteur*innen. Am besten wird der Bericht nicht als einmalige Lektüre verstanden, sondern als Nachschlagewerk: Die genannten Seitenzahlen sind als Einstieg gedacht, von dem aus sich tiefer in den Bericht eintauchen lässt.
Quellen:
Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. [17.6.26]