Digitale Gesundheitskompetenz stärken – Schule als Schlüsselakteur

Wie erkenne ich verlässliche Gesundheitsinfos im Netz? Das BAG-Konzeptpapier zeigt, warum digitale Gesundheitskompetenz entscheidend ist. Das BARMER-Projekt DURCHBLICKT! erarbeitete ein schnelles Self-Check-Tool für Schulen – inklusive Sofortergebnis und Tipps zur Stärkung der Kompetenzen.

Gesundheitskompetenz (GK) umfasst weit mehr als nur das Wissen über Krankheiten und Prävention. Sie ist die Fähigkeit, in einer zunehmend komplexen Informationswelt relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und gezielt für die eigene Gesundheit einzusetzen. Besonders in der digitalen Ära spielt dabei die digitale Gesundheitskompetenz (dGK) eine zentrale Rolle – also der kompetente Umgang mit gesundheitsbezogenen Informationen aus digitalen Quellen. 

Dieser Blogpost ist im Kontext des «Labor Entwicklungen und Trends» (LET) des Netzwerks Digitale Transformation der PHBern entstanden. Im LET werden Entwicklungen und Trends im Themenfeld der Digitalen Transformation im Bildungskontext definiert und bearbeitet.

Die Arbeitsgruppe Digital Equality des TTIM befasst sich im Rahmen des LET u.a. mit dem Thema «Digitaler Wandel und Gesundheit». Der hier vorgestellte Ansatz «Digitale Gesundheitskompetenz stärken» zeigt auf, wie Menschen befähigt werden können, digitale Angebote kompetent für ihre Gesundheit zu nutzen.

Das Schweizer Verständnis von Gesundheitskompetenz

Für ein umfassendes Gesundheitsverständnis ist es nötig, die digitale Gesundheitskompetenz in ein ganzheitliches Konzept einzubinden. Dazu hat das Careum Zentrum für Gesundheitskompetenz im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ein Konzeptpapier zur Gesundheitskompetenz entwickelt. Dafür wurden nicht nur zahlreiche wissenschaftliche Quellen ausgewertet, sondern auch Expertinnen und Experten aus allen drei grossen Sprachregionen intensiv einbezogen. Das Ergebnis dient als Grundlage für künftige Projekte und Massnahmen.

Damit das Wissen nicht nur in Fachkreisen bleibt, wurden auf Basis des Konzeptpapiers zwei praxisnahe Angebote erstellt:

Schau doch gleich rein – so erfährst du in wenigen Minuten, was Gesundheitskompetenz in der Schweiz ausmacht.

Die Herausforderung der «Informationsepidemie»

Die COVID-19-Pandemie hat eindrücklich gezeigt, wie rasant Gesundheitsinformationen heute verbreitet werden – sei es durch Posten, Liken, Kommentieren oder Teilen. Die niedrige Schwelle der Verfügbarkeit ist einerseits ein Vorteil, birgt andererseits aber auch Risiken: Neben seriösen Inhalten kursieren unzutreffende, irreführende oder bewusst falsche Informationen («Fake News»).
Diese «Informationsepidemie» erschwert es vielen Menschen, verlässliche von problematischen Quellen zu unterscheiden. Eine aktuelle Studie (vgl. Schaeffer, D., Gille, S., Berens, E.-M., Griese, L., Klinger, J., Vogt, D., & Hurrelmann, K., 2023) verdeutlicht den Handlungsbedarf: Lediglich 24,2 % der erwachsenen deutschen Bevölkerung verfügen über eine ausreichende digitale Gesundheitskompetenz. In der Schweiz haben rund 72 % der Bevölkerung Schwierigkeiten im Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen (vgl. Faktenblatt «Digitale Gesundheitskompetenz»)

Warum Schulen entscheidend sind

Um die dGK frühzeitig zu fördern, sind Schulen ein besonders geeignetes Setting. Sie erreichen nahezu alle Kinder und Jugendlichen und bieten die Möglichkeit, digitale Gesundheitskompetenz systematisch aufzubauen. Durch die Förderung der dGK können zudem soziale Ungleichheiten verringert werden. Das ist besonders relevant, da das BAG die Stärkung der Gesundheitskompetenz von sozial benachteiligten Personen ausdrücklich als Ziel benennt.

Erste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die dGK des Schulpersonals eng damit verknüpft ist, wie kompetent Gesundheitsinformationen im Unterricht vermittelt werden. Dennoch nimmt das Thema bislang nur einen begrenzten Stellenwert in der schulischen Gesundheitsförderung ein.

Kritische Perspektive: Gesundheitskompetenz als Norm?

Simone Suter zeigt in ihrer Studie «Im Namen der Gesundheit» (2017), dass Gesundheitsförderung in Schulen nicht nur unterstützt, sondern manchmal auch Druck erzeugen kann. Auch beim Konzept des BAG ist es wichtig zu hinterfragen, ob Gesundheitskompetenz zu einer moralischen Norm wird.

Wenn Selbstverantwortung zu stark betont wird, ohne soziale und kulturelle Kontexte mitzudenken, kann subtiler Druck entstehen, sich «richtig» zu verhalten. Wer diesem Ideal nicht entspricht, kann schnell zum Gegenstand moralischer Bewertung werden. Zum Beispiel: Wenn in einer Klasse viel über gesunde Ernährung gesprochen wird, fühlen sich Kinder, die keine «gesunde» Lunchbox dabeihaben, vielleicht bewertet oder ausgeschlossen. Solche Situationen zeigen: In der Gesundheitsförderung muss der Kontext mitgedacht werden. Für Bildung und Schule stellen sich die folgenden Fragen:

  • Wie können strukturelle Ungleichheiten – z. B. durch soziale Herkunft oder kulturelle Unterschiede – bei der (digitalen) Gesundheitskompetenz stärker berücksichtigt werden?
  • Gibt es Raum für verschiedene Vorstellungen von Gesundheit, ohne dass bewertet wird, was «richtig» oder «falsch» ist?

Diese kritische Perspektive hilft, Förderprogramme nicht nur effektiv, sondern auch gerecht und inklusiv zu gestalten.

Das Projekt «DURCHBLICKT!» – Ein praktisches Instrument für Schulen

Im Rahmen des Präventionsprogramms «DURCHBLICKT!» (Laufzeit: Mai 2022 – April 2024) der deutschen BARMER Krankenkasse wurde in Kooperation mit der Hochschule Fulda und der Technischen Universität München ein online-basiertes Selbstbewertungsinstrument entwickelt.

Ziele und Nutzen des Tools:

  • Ermittlung des aktuellen Stands der organisationalen dGK an Schulen

  • Kurze Bearbeitungszeit, sodass es leicht in den Schulalltag integriert werden kann

  • Automatisierte Ergebnisrückmeldung mit Priorisierung von Entwicklungspotenzialen

  • Verlaufsdokumentation zur Messung von Fortschritten

  • Handlungsempfehlungen zur gezielten Stärkung der schulischen dGK

Das Tool basiert auf aktueller Literatur zu Gesundheitskompetenz und schulischer Gesundheitsförderung und ist speziell auf die Bedürfnisse des Schulpersonals zugeschnitten.

Selbst-Check

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Quellen:

Bundesamt für Gesundheit BAG (2024). Gesundheitskompetenz. [13.8.25]
 
Careum Zentrum für Gesundheitskompetenz (o.J.). Faktenblatt. Das Schweizer Verständnis von Gesundheitskompetenz. [13.8.25]
 
De Gani, SM., Beese, A.-S., Guggiari, E., Jaks, R. (2023). Konzeptpapier zur Gesundheitskompetenz. Careum Zentrum für Gesundheitskompetenz, Zürich. Im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), Bern.
 
 
Schaeffer, D., Gille, S., Berens, E.-M., Griese, L., Klinger, J., Vogt, D., & Hurrelmann, K. (2023). Digitale Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland: Ergebnisse des HLS-GER 2. Das Gesundheitswesen, 85(04), 323–331. https://doi.org/10.1055/a-1670-7636

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