Künstliche Intelligenz wird in der öffentlichen Diskussion derzeit intensiv behandelt. Aktuelle Erhebungen bestätigen, dass sich diese Diskussion nicht nur auf abstrakte Zukunftsszenarien bezieht, sondern eine bereits weit verbreitete Praxis beschreibt: Eine 2025 durchgeführte europäische Jugendbefragung zeigt, dass 88 Prozent der 13 bis 15-Jährigen und 96 Prozent der 16 bis 18-Jährigen mindestens einige Mal pro Woche KI-Tools nutzen, insbesondere für Hausaufgaben, Recherchen und Übersetzungen (Google & Livity, 2025). Ein Eurostat-Bericht zur KI-Nutzung in der EU ergänzt, dass 16 bis 24-Jährige generative KI fast doppelt so häufig nutzen wie die Gesamtbevölkerung (Eurostat, 2026).
Diese Zahlen zeigen: KI ist im Alltag junger Menschen bereits Realität, unabhängig davon, ob Lehrpersonen oder Schulen dies aktiv steuern. Was in vielen Fällen fehlt, sind konkrete Anhaltspunkte dafür, wie Lehrpersonen und Schulen diese Realität pädagogisch begleiten sollen: Welche Kompetenzen sollen Lernende überhaupt aufbauen, in welcher Reihenfolge, und wer ist dafür verantwortlich. Genau an diesem Punkt setzt das neue AI Literacy Framework (AILit-Framework) von OECD und Europäischer Kommission an. Der Synthesebericht des Nationalen Forschungsprogramms «Digitale Transformation» (NFP 77) liefert dazu ergänzend Anhaltspunkte, wie sich ein solches Framework im Schweizer Bildungssystem konkret einbetten lässt.
Das AILit-Framework als Referenzrahmen
Das AILit-Framework definiert KI-Kompetenz als das technische Wissen, die bleibenden Fertigkeiten und die zukunftsorientierten Haltungen, die Lernende benötigen, um in einer von KI geprägten Welt souverän zu handeln. Der Referenzrahmen richtet sich primär an Lernende der Primar- und Sekundarstufe und wurde unter Einbezug einer internationalen Gemeinschaft von Fachpersonen entwickelt.
Vier Kompetenzbereiche
Das Framework unterscheidet vier Kompetenzbereiche, die aufeinander aufbauen:
- Mit KI bewusst umgehen: Grundlegender Bereich. Lernende erkennen und reflektieren die Rolle von KI im Alltag.
- KI kreativ anwenden: KI wird als kreativer Partner genutzt, ohne dass die eigene Urteilskraft und Handlungsfähigkeit abgegeben wird.
- KI gezielt einsetzen: Lernende entscheiden bewusst, welche Aufgaben an KI delegiert werden und welche nicht.
- KI aktiv mitgestalten: Anspruchsvollster Bereich. Lernende verstehen die Funktionsweise von KI-Systemen und entwickeln Ideen, wie diese im Sinne der Gesellschaft verbessert werden können.
Die Bereiche zwei und drei verlaufen parallel und setzen die im ersten Bereich erworbenen Grundkompetenzen voraus. Der vierte Bereich baut auf allen drei vorangehenden auf und erfordert gemäss Framework voraussichtlich zusätzliche Unterstützung und Zeit.
Für jeden der vier Bereiche werden im Framework eigenständige Kompetenzen formuliert. Für «Mit KI bewusst umgehen» sind es sieben, für «KI kreativ anwenden» vier, für «KI gezielt einsetzen» vier und für «KI aktiv mitgestalten» ebenfalls vier, insgesamt also neunzehn Kompetenzen.
Die formulierten Kompetenzen veranschaulichen zusammen mit den intendierten Lernzielen sowie konkreten Lernszenarien, wie sich KI-Kompetenzen im Laufe der Zeit entwickeln können. Die Lernziele wurden auf drei Progressionsstufen formuliert, von «grundlegend» über «fortgeschritten» bis zu «vertieft».
Diese Stufen sind bewusst nicht an feste Schulstufen oder Altersgruppen gebunden, da Lernende mit unterschiedlichem Vorwissen und unterschiedlicher Vorerfahrung in den Unterricht kommen. Sie dienen Lehrpersonen als Orientierung, um Lernende dort abzuholen, wo diese stehen. Ethische Fragen wie Fairness, Verzerrung oder Datenschutz sind dabei nicht als separates Kapitel ausgelagert, sondern durchziehen alle vier Bereiche.
Verantwortlichkeiten verschiedener Akteur*innen
Das Framework geht davon aus, dass der Aufbau von KI-Kompetenz nicht allein Aufgabe einzelner Lehrpersonen ist, sondern koordiniertes Handeln verschiedener Akteur*innen voraussetzt:
- Lehrpersonen und Pädagoginnen und Pädagogen wählen fachlich und stufengerecht passende Lernziele aus, quer über alle Fachbereiche.
- Schulleitungen übersetzen das Framework in schulische Praxis und koordinieren die Umsetzung innerhalb der Schulgemeinschaft.
- Schulbehörden schaffen die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
- Bildungsanbieter und Fortbildungsakteure übersetzen die Lernziele in konkrete Weiterbildungsangebote.
- Eltern und Familien können Inhalte aus dem Unterricht zu Hause aufgreifen und weiterführen.
Für die föderal organisierte Schweizer Volksschule ist relevant, dass das Framework ausdrücklich keine fixe Umsetzung vorschreibt. Eine Anpassung an lokale Kontexte wird im Dokument explizit erwartet und empfohlen.
Einbettung in den Schweizer Kontext: Ergebnisse aus dem NFP 77
Der Synthesebericht des NFP 77 untersuchte zwischen 2020 und 2025 in 46 Projekten unter anderem die digitale Transformation im Bereich Bildung und Lernen. Einige der dort formulierten Impulse lassen sich unmittelbar mit den Anforderungen des AILit-Frameworks verknüpfen. Das NFP 77 spricht dabei primär von digitalen Kompetenzen im Allgemeinen. KI-bezogene Kompetenzen werden darin, gestützt auf die OECD, als Erweiterung dieser digitalen Grundkompetenzen verstanden.
Impuls 5: Digitale Kompetenzen lebenslang fördern: Die Forschung zeigt, dass Kinder informatische Grundkonzepte nicht automatisch durch gelegentlichen Kontakt mit Technologie erwerben. Fähigkeiten des Computational Thinking sollen über die gesamte obligatorische Schulzeit systematisch aufgebaut und überprüft werden. Dies bildet eine Grundlage, auf der die im AILit-Framework beschriebenen Kompetenzbereiche aufbauen können.
Impuls 6: Kontinuierliche digitale Weiterbildung von Lehrpersonen: Der Bericht stellt fest, dass Fachwissen allein Lehrpersonen nicht befähigt, dieses mithilfe neuer digitaler oder EdTech-Ansätze zu vermitteln. Notwendig sind fachspezifische, dauerhaft verankerte Weiterbildungsangebote sowie geschützte Zeit für die Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Dieser Punkt betrifft direkt die Rolle, die das AILit-Framework Lehrpersonen zuschreibt: Ohne entsprechende Weiterbildung, die auch KI-bezogene Inhalte einschliesst, bleibt diese Rolle schwer einlösbar.
Impuls 7: Strukturierte Ansätze für EdTech-Innovationen: Frühere Versuche im Schweizer Bildungssystem sind laut NFP 77 dort gescheitert, wo Technologien ohne klaren pädagogischen Rahmen eingeführt wurden, mit der Folge von ineffizienten Umsetzungen und einem gesteigerten Bedarf an vertrauensbildenden Massnahmen zwischen Lehrpersonen und politisch verantwortlichen Stellen. Dies unterstreicht den Wert eines gemeinsamen, verbindlichen Referenzrahmens wie des AILit-Frameworks, der die pädagogische Klarheit schafft, deren Fehlen frühere Vorhaben erschwert hat.
Das AILit-Framework liefert der Volksschule einen anpassbaren, international abgestützten Referenzrahmen für das, was KI-Kompetenz bei Lernenden bedeutet, von der bewussten Auseinandersetzung mit KI bis zur aktiven Mitgestaltung. Das NFP 77 zeigt, dass zentrale Voraussetzungen dafür in der Schweiz bereits erkannt sind: früh ansetzende informatische Bildung, kontinuierliche Weiterbildung der Lehrpersonen und ein strukturierter Umgang mit neuen Technologien.
Quellen:
European Union (2026). The use of artificial intelligence (AI) technologies in the European Union. [1.7.26]
Google & Livity (2025). The Future Report Perspectives on technology from teenagers in Europe. [1.7.26]
Schweizerischer Nationalfonds (2026). Bildung, Vertrauenswürdigkeit und Arbeitsmarkt im digitalen Wandel. [1.7.26]
OECD / Europäische Union (2026). Lernende für das KI-Zeitalter befähigen. [1.7.26]