Barrierefreiheit und KI: Einblicke und Werkzeuge für die Praxis
Im letzten November fand an der PHBern der Anlass «Digitale Barrierefreiheit im Zeitalter der KI» mit Prof. Dr. Alireza Darvishy statt. Er lebt seit seinem 15. Lebensjahr mit einer schweren Sehbeeinträchtigung und nutzt täglich assistive Technologien wie Screenreader. Rund 20 Teilnehmende – mehrheitlich von der PHBern, aber auch externe Gäste – erhielten Einblicke, wie digitale Barrierefreiheit im Bildungsbereich umgesetzt werden kann und welche Begrenzungen sie noch hat.
Assistive Funktionen in Betriebssystemen und Anwendungen
Bereits in vielen Betriebssystemen wie iOS und gängigen Anwendungen wie Word sind assistive Funktionen im Sinne des Universal Designs integriert. Dokumente können auf ihre Barrierefreiheit hin überprüft werden z. B. mit dem Barrierefreiheits-Assistenten in Word. Unter dem Reiter «Überprüfen» kann «Barrierefreiheit überprüfen» gewählt werden. Anschliessend wird die Zugänglichkeit des Dokumentes getestet. Die Funktion «Barrierefreiheitsprüfung» gibt es nicht nur für Word Dokumente, sondern kann auch bei Outlook-E-Mail-Nachrichten, Excel Arbeitsblättern, PowerPoint Präsentationen oder OneNote-Notizbuch-Freigaben angewendet werden und hilft damit, dass Inhalte einfacher gelesen und bearbeitet werden können. Allerdings ist die Korrektur der Dokumente mit KI-Assistenten noch nicht wirklich zufriedenstellend – sinnvoll ist es, die Anpassungen zu überprüfen und selbst vorzunehmen.
Applikationen für Menschen mit Behinderungen
Alireza Darvishi stellt in verschiedenen Use Cases exemplarisch speziell für Menschen mit Behinderungen entwickelte Applikationen vor: Die App «Hand Talk» als Beispiel für eine generative KI als Unterstützung. Diese App übersetzt gesprochene Sprache in Gebärdensprache. Weiter stellt er Möglichkeiten vor, wie Chatbots wie ChatGPT genutzt werden können, um Sprache in Diagramme umzuwandeln, ein nicht barrierefreies Dokument in ein barrierefreies umzuwandeln, einen eingesprochenen Text zu redigieren. Er weist aber auch darauf hin, dass Chatbots die Aufgaben nicht immer zufriedenstellend lösen.
Im von Alireza Darvishi und Felix Schmitt-Koopmann durchgeführten Workshop wurde ein Screenreader vorgestellt, mit dem sehbeeinträchtigte Personen in Dokumenten navigieren können. Damit der Screenreader funktioniert, müssen Dokumente eine Struktur haben, d.h. Überschriften und Listen müssen als solche definiert sein. Sinnvoll ist es anstatt Links, Linktexte mit einem aussagekräftigen Titeln einzufügen. Es war erstaunlich, wie schnell der Screenreader den Inhalt des Bildschirms vorliest.
Tipps für barrierefreie Dokumente:
- Alternativtexte: Dekorative Bilder im Feld Alternativtext als «dekorativ kennzeichnen», dann wird es nicht vorgelesen. Bei inhaltlichen Grafiken/Bildern braucht es einen effektiven Alternativtext, der den Inhalt und Zweck des Bildes knapp und unmissverständlich vermittelt.
- In Word Formatvorlagen nutzen: Überschriften, Tabellen und Abbildungen definieren.
- In Excel nicht gebrauchte Zellen ausblenden
- Bei PowerPoint: Lesereihenfolge festlegen (Reihenfolge in der etwas vorgelesen werden soll) über «Überprüfen > Barrierefreiheit > Lesereihenfolgebereich überprüfen».
- Seitenzahlen braucht der Screenreader nicht.
Felix Schmitt stellte im Anschluss das von der ZHAW entwickelte Programm PAVE 2.0 vor. Mit PAVE können PDF-Dokumente ohne Struktur mit einer solchen versehen werden, so dass Screenreader die überarbeiteten Dokumente besser vorlesen können. PDFs können mithilfe von Adobe Acrobat Reader oder online mit verapdf überprüft werden. Mit NVDA oder JAWS Probeversionen (Zugang für 30 Minuten) können PDFs mit einem Screenreader getestet werden.
digibasics.ch: Selbstlernmodul E-Accessibility
Die im Anlass vorgestellten Applikationen und KI-gestützten Werkzeuge zeigen, wie digitale Technologien Menschen mit Behinderungen beim Zugang zu Informationen unterstützen können. Damit solche Hilfsmittel ihr Potenzial entfalten, ist es jedoch entscheidend, dass digitale Inhalte von Beginn an barrierefrei gestaltet sind. E-Accessibility (dt.: digitale Barrierefreiheit) bezeichnet genau diese barrierefreie Gestaltung digitaler Inhalte und Anwendungen, sodass sie von möglichst allen Menschen genutzt werden können.
Ein praxisnahes Weiterbildungsangebot dazu bietet das Selbstlernmodul E-Accessibility, das Teil von digibasics.ch ist – einem modularen Lernangebot zu digitalen Basiskompetenzen, das von sieben Schweizer Hochschulen gemeinsam entwickelt wird. Das von der HfH (Hochschule für Heilpädagogik) erarbeitete Modul vermittelt grundlegendes Wissen zur Erstellung barrierefreier digitaler Inhalte, darunter die zehn goldenen Regeln der Barrierefreiheit, barrierefreie Textdokumente und Präsentationen, zugängliche Bilder sowie Audio- und Videoinhalte, rechtliche Grundlagen und technische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen.
Das Modul kann kostenfrei, zeit- und ortsunabhängig genutzt werden und enthält Praxisaufgaben sowie Checklisten für die direkte Anwendung.
KI-Assistenten bieten Vorteile aber auch Herausforderung
Der Einsatz von KI-Assistenten bringt Vorteile mit sich, zugleich zeigen sich aber auch klare Grenzen und Herausforderungen.
- KI-Assistenten können multimodal genutzt werden, also auch mit Spracheingabe. Die Qualität der Antworten unterscheidet sich jedoch, je nachdem, ob Fragen geschrieben oder eingesprochen werden.
- Sie sind nicht vollumfänglich barrierefrei: Screenreader funktionieren nicht durchgängig und die Steuerung mit der Tastatur funktioniert nicht immer.
- Die Überprüfung von erstellten Grafiken ist für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen schwierig.
- Privatsphäre und Datenschutz bleiben eine Herausforderung.
Der Anlass zeigte deutlich: KI kann die Barrierefreiheit unterstützen, allerdings ist das Resultat noch nicht zufriedenstellend, so sind für Menschen mit Behinderungen die Antworten von herkömmlichen Chatbots nicht überprüfbar.
Weitere Links:
- «Projekt AI for Accessibility of Learning Material». Eine Zusammenarbeit der ZHAW, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich ETHZ und der Fachhochschule Graubünden.
- Arbeitsgruppe Barrierefreiheit der PHBern