Soziale Medien als neuer Gesundheitsraum – Digital Streetwork und innovative Ansätze für mehr Wohlbefinden

Für junge Menschen sind Soziale Medien weit mehr als eine Möglichkeit, sich mit Freund*innen auszutauschen oder ihre Freizeit zu gestalten. Sie sind zu zentralen Sozialräumen geworden, in denen Jugendliche und junge Erwachsene täglich mehrere Stunden verbringen, Beziehungen pflegen und Identitäten entwickeln. Dabei bieten diese digitalen Räume nicht nur Unterhaltung und soziale Interaktion, sondern auch enormes Potenzial für gesundheitsbezogene Aufklärung und Unterstützung.

Dieser Blogpost ist im Kontext des «Labor Entwicklungen und Trends» (LET) des Netzwerks Digitale Transformation der PHBern entstanden. Im LET werden Entwicklungen und Trends im Themenfeld der Digitalen Transformation im Bildungskontext definiert und bearbeitet.

Die Arbeitsgruppe Digital Equality des TTIM befasst sich im Rahmen des LET u.a. mit dem Thema «Digitaler Wandel und Gesundheit». Der hier vorgestellte Ansatz «Digital Streetwork» zeigt eine innovative Art, wie diesbezüglich Zielgruppen erreicht werden können.

Digital Streetwork: Sozialarbeit im digitalen Raum

In diesem Zusammenhang gewinnt der Ansatz des Digital Streetwork zunehmend an Bedeutung. Analog zum traditionellen Streetwork, bei dem Sozialarbeiter*innen direkt vor Ort Menschen aufsuchen, begegnen digitale Streetworker*innen jungen Menschen dort, wo diese ohnehin unterwegs sind – online. Laut einer aktuellen Studie nutzen bereits zwei Drittel der deutschen Bevölkerung das Internet als erste Anlaufstelle für Gesundheitsinformationen, was die Relevanz digitaler Unterstützungsangebote zusätzlich unterstreicht.

Niedrigschwellige Beratung in Online-Communities

Insbesondere Online-Communities und Selbsthilfeforen bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für digitale Streetworkerinnen, da diese dort als vertrauenswürdige Ansprechpartnerinnen fungieren können. Gerade bei sensiblen Themen wie psychischer Gesundheit oder Sucht ist eine niedrigschwellige Beratung von grosser Bedeutung, da sie Hemmschwellen abbauen und eine frühzeitige Unterstützung ermöglichen kann. Digitale Streetworker*innen bieten daher ihre Beratungsangebote gezielt auf Plattformen an, auf denen sich Jugendliche besonders häufig aufhalten, wie Instagram, TikTok oder spezifischen Online-Communities, und greifen Themen wie psychische Gesundheit, Suchtprävention oder gesunde Lebensführung direkt dort auf.

Vorteile der digitalen Unterstützung

Der Vorteil dieses digitalen Ansatzes liegt darin, dass junge Menschen leichter erreicht werden können, gerade diejenigen, die traditionelle Hilfsangebote eher meiden oder nicht wahrnehmen. Online können Streetworker*innen schnell, unkompliziert und vertraulich Unterstützung leisten, auf Fragen eingehen und Orientierung bieten.

Förderung der Gesundheitskompetenz und Umgang mit Fehlinformationen

Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Förderung der Gesundheitskompetenz: Digital Streetwork ermöglicht es, validierte Informationen bereitzustellen und so Fake News oder Fehlinformationen im Gesundheitsbereich entgegenzuwirken. Modellprojekte zeigen, dass die digitale Sozialarbeit in Zukunft eine bedeutende Rolle in der Gesundheitsförderung spielen kann.

Junge Zielgruppen dort erreichen, wo sie sind

Durch das Konzept sollen insbesondere junge Menschen und schwer erreichbare Zielgruppen dort aufgesucht werden, wo sie sich ohnehin täglich aufhalten. Dabei wird zwischen content-basiertem Ansatz (eigene Inhalte werden generiert und veröffentlicht) und non-content-basiertem Ansatz (direkte Interaktion in Foren und Chats) unterschieden.

Auch die richtige Plattformwahl ist entscheidend, um Jugendliche und junge Erwachsene gezielt anzusprechen. Während Facebook an Bedeutung verliert, dominieren Instagram, TikTok und WhatsApp die digitale Lebenswelt vieler junger Menschen. Für digitale Streetworker*innen ist es wichtig diese Entwicklungen zu beobachten und die Strategien anzupassen.

Dabei unterscheiden sich drei wesentliche Vorgehensweisen:

  1. Defensive Kontaktaufnahme:
    Digital Streetworker*innen agieren zunächst als unerkannte Beobachtendde. Sie platzieren zielgruppengerechte Inhalte auf Plattformen, um Bedingungen zu schaffen, unter denen Jugendliche von sich aus Kontakt aufnehmen können.

  2. Indirekte Kontaktaufnahme:
    Hierbei erfolgt der Kontakt über eine dritte Person. Jugendliche weisen ihre Peers auf Angebote und Inhalte der Digital Streetworker*in hin, beispielsweise durch gegenseitiges Markieren unter Beiträgen.

  3. Offensive Kontaktaufnahme:
    Streetworker*innen kontaktieren die Zielgruppe aktiv und direkt. Sie beteiligen sich an Diskussionen in Foren oder Chats, greifen aktiv Themen der Zielgruppe auf und treten persönlich mit den Jugendlichen in Kontakt.

Digital Streetwork kann mehr als nur eine zeitgemässe Anpassung sozialpädagogischer Methoden: Es eröffnet die Möglichkeit, junge Menschen frühzeitig, niederschwellig und zielgruppengerecht zu erreichen. Damit können klassische Ansätze sinnvoll ergänzt und neue Potenziale zur Gesundheitsförderung, Prävention und Intervention geboten werden. 

Quellen:

Gusy, B. (2024). Streetwork/Aufsuchende soziale Arbeit. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i117-3.0

Neuburg, F., Kühne, S., Reicher, F. (2020). Soziale Netzwerke und Virtuelle Räume: Aufsuchendes Arbeiten zwischen analogen und digitalen Welten. In: Diebäcker, M., Wild, G. (eds) Streetwork und Aufsuchende Soziale Arbeit im öffentlichen Raum. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-28183-0_11

Stieler, Mara & Zauter, Sigrid. (2022). Digital Streetwork: Aufsuchende Arbeit mit und in Sozialen Medien.

Wiedel, Fabian (2023). «Digital Streetwork: Entwurf Einer Begleitenden Medienpädagogik Am Beispiel Virtueller Spielwelten». MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 19 (Jahrbuch Medienpädagogik):365-91. https://doi.org/10.21240/mpaed/jb19/2023.03.14.X.

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