Vor knapp drei Jahren hat ChatGPT die Welt überrascht und überrollt. Anfangs als technisches Experiment, heute als selbstverständliches Werkzeug im Alltag von Millionen Menschen. Mit GPT-5 bringt OpenAI nun die nächste Version auf den Markt. 

Sam Altman beschreibt den Unterschied so, dass er fast greifbar wird:

  • GPT-3 wirkte wie ein Gespräch mit einem klugen, aber manchmal ungenauen Highschool-Schüler.

  • GPT-4o entsprach einem zuverlässigen Studierenden.

  • GPT-5 schliesslich ist wie ein Expert*in auf Doktoratsniveau, in jedem Fachgebiet bereit, Rede und Antwort zu stehen.

Für Lernende bedeutet das: Wissen auf Abruf, eine Art «Professor*in in der Hosentasche», die jederzeit verfügbar ist, egal in welchem Fachbereich und zu welchem Thema. 

Je nach Anfrage unterschiedliche Bearbeitungszeit

Frühere Modelle hatten oft den Nachteil, dass sie entweder sehr schnell, aber oberflächlich antworteten oder länger nachdachten, aber dann nicht immer konsistent waren. GPT-5 bringt beides zusammen. Wenn eine einfache Frage gestellt wird, kommt die Antwort sofort und klar formuliert. Wird jedoch eine komplexere Aufgabe vorgelegt, zum Beispiel die Herleitung einer mathematischen Formel oder die Analyse eines Gedichts, nimmt sich das Modell automatisch «Bedenkzeit», um eine fundiertere Antwort zu liefern.

Lernen mit Bildern und Simulationen

Ein vielversprechendes Feature ist die Fähigkeit, visuelle Darstellungen zu erzeugen. In der Demonstration während der Vorstellung wurde gezeigt, wie GPT-5 interaktive Visualisierungen oder kleine Programme erstellt. Ein Schüler oder eine Schülerin, die in Biologie gerade den Blutkreislauf behandelt, könnte sich ein interaktives Schema erzeugen lassen, bei dem Blutkörperchen durch die Gefässe «wandern». 

Das gezeigte praktische Beispiel:
Eine Schülerin versteht die Bernoulli-Gleichung in der Physik nicht. Statt einer langen Textantwort kann GPT-5 auf Aufforderung eine interaktive Simulation erstellen, die zeigt, wie sich Luftströmungen auf den Auftrieb eines Flugzeugs auswirken. Das kann abstrakte Inhalte unmittelbar erlebbar und ermöglicht einen Zugang, den ein Lehrbuch allein kaum bietet.

Unserer Meinung nach ist die Möglichkeit beeindruckend, dass ChatGPT ein physikalisches Phänomen direkt anschaulich visualisieren kann. So haben wir mit dem folgenden Prompt das Erstellen einer Simulation des Wasserkreislaufes ausprobiert: «Ich möchte den Wasserkreislauf verstehen. Kannst du mir dazu eine Simulation in Canvas erstellen?». Das erste Modell war uns zu komplex, so dass wir den Prompt folgendermassen ergänzten: «Stelle sicher, dass die Simulation für Schüler*innen der Sekundarstufe verständlich ist.» Die Simulation wurde etwas weniger komplex, allerdings war die Grafik etwas abstrakt und hat uns nicht ganz überzeugt. Im direkten Vergleich wirken viele Lernvideos auf YouTube derzeit nach wie vor anschaulicher und für Lernende verständlicher aufbereitet.

Simulation des Bernoulli-Effekts

Weniger Fehler, mehr Vertrauen

Einer der grössten Kritikpunkte an Sprachmodellen war bislang, dass sie zu «halluzinieren» neigten, also falsche Fakten selbstbewusst darstellten. GPT-5 zeigt hier deutliche Fortschritte. Besonders im Bildungsbereich, wo Lernende auf verlässliche Informationen angewiesen sind, ist das entscheidend. In Tests schnitt GPT-5 besser ab als seine Vorgänger, etwa bei mathematischen Olympiade-Aufgaben oder komplexen medizinischen Fragen. Für den Unterricht bedeutet das, dass man sich eher auf die Ausgaben verlassen kann – auch wenn eine kritische Haltung natürlich immer wichtig bleibt.

Sprachenlernen in Echtzeit

Sprachen üben wird mit GPT-5 noch immersiver. Über die neue Sprachschnittstelle lassen sich Dialoge führen, z. B. bestellt ein/e Schüler/in auf Koreanisch einen Kaffee, GPT-5 antwortet, wiederholt die Passage langsam oder fordert zu einer schnelleren Sprechweise heraus. Auf diese Weise können Übungssituationen entstehen, die im Unterricht mit begrenzter Zeit oft zu kurz kommen.

Damit wird es möglich, Gesprächssituationen nachzustellen und direkt Feedback zur Aussprache zu erhalten. Für Lernende, die keinen Zugang zu einem Sprachkurs haben, ist das ein besonders niedrigschwelliger Zugang.

Kein grosser Sprung, sondern ein konsequenter nächster Schritt

GPT-5 zeigt in vielen Bereichen klare Fortschritte: Es strukturiert komplexe Inhalte präziser, erstellt Visualisierungen, unterstützt effektiver beim Sprachenlernen und kann fundiertere Informationen zu Gesundheitsthemen liefern. Insgesamt agiert GPT-5 wesentlich intelligenter als frühere Versionen, was sich besonders in akademischen und von Menschen bewerteten Tests zeigt, vor allem in den Bereichen Mathematik, Programmierung, visuelle Wahrnehmung und Gesundheit.

Gleichzeitig bringen diese Neuerungen etwas Ernüchterung: Revolutionär sind sie nicht, vielmehr handelt es sich um die konsequente Weiterentwicklung des Systems. Lernvideos auf YouTube oder klassische Materialien bleiben in vielen Fällen anschaulicher und eingängiger. Aber es lohnt sich, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Der Bildungsbereich rückt zunehmend in den Fokus der grossen Anbieter – das zeigen unter anderem der Lernmodus von OpenAI und Google Gemini. Wer beim Thema Lernen mit KI am Ball bleibt, wird von den kommenden Schritten sicher profitieren.

 

Quellen:

OpenAI (2025). Introducing GPT-5. [20.8.2025]

OpenAI (2025). Entdecke GPT-5. [20.8.2025]

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Adresse

PHBern
Netzwerk Digitale Transformation
Think Tank Medien und Informatik
CH-3012 Bern

Kontakt

ttim@phbern.ch
+41 31 309 28 95