Kreativität gilt – zusammen mit kritischem Denken, Kommunikation und Kollaboration – als eine der vier sogenannten 4K-Kompetenzen. Diese beschreiben, welche Fähigkeiten Menschen in einer zunehmend komplexen und digitalisierten Welt besonders brauchen. Knaus et al. (2024 zitiert nach u. a. Aufenanger 2020, S. 5; Guilford 1950, S. 452) beschreibt Kreativität dabei als die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln und gestalterisch oder schöpferisch tätig zu sein. Gleichzeitig verstehen Illgen et al. (2025) darunter auch etwas Praktisches: die Fähigkeit, neue und wirksame Lösungen für alltägliche Probleme zu finden.
Kreativität ist also keine Eigenschaft weniger Auserwählter. Sie ist eine erlernbare und förderbare Kompetenz, was sie für Bildungseinrichtungen besonders relevant macht.
KI im Kreativbereich: Wandel und Einsatz
Viele Kreativschaffende nutzen KI-Tools bereits aktiv: Werbetexter*innen lassen sich Entwürfe erstellen, Grafiker*innen prüfen und verfeinern KI-Ausgaben kritisch, Musiker*innen lassen sich von maschinell remixten Sounds inspirieren (Knaus et al., 2024). Laut einer empirischen Studie mit 96 Teilnehmenden sind die häufigsten Anwendungsfelder Textgenerierung, Ideenfindung und Bild- und Grafikdesign. Dabei werden Zeitersparnis, Inspiration und Unterstützung beim Einstieg in kreative Prozesse als Vorteile genannt (Illgen et al., 2025).
Gleichzeitig sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt spürbar. Bereits acht Monate nach der Einführung von ChatGPT verschwand ein Fünftel der Schreib- und Programmierjobs auf Freelance-Plattformen weltweit (Ibrahim, 2024a). Illustrator Tobias Wieland bringt die Problematik auf den Punkt: KI werde derzeit nicht als Werkzeug eingesetzt, sondern als Ersatz (Günther, 2026). Nicht alle Berufe sind jedoch gleich betroffen, Berufsfelder, die Nuancen, Urteilsvermögen und menschliche Nähe erfordern, wie etwa das Dolmetschen in politischen Kontexten, zeigen sich bislang widerstandsfähiger (Günther, 2026).
Wie kreativ ist KI wirklich?
Bellemare-Pepin et al. (2026) haben in einer grossen Studie die divergente Kreativität von KI-Sprachmodellen mit den Leistungen von 100’000 menschlichen Teilnehmenden verglichen. Ihr Ergebnis: Mehrere Sprachmodelle – darunter GPT-4 – übertreffen den Durchschnitt der menschlichen Population beim sogenannten Divergent Association Task (DAT). Der DAT ist ein psychologischer Kreativitätstest, der das divergente Denken misst, indem Testpersonen zu einem vorgegebenen Begriff in kurzer Zeit zehn Begriffe angeben müssen, die sich vom vorgegebenen Begriff und untereinander möglichst weit unterscheiden. Auch bei kreativen Schreibaufgaben wie Haikus (kurze, traditionelle japanische Gedichte), Kurzzusammenfassungen und Kurzgeschichten zeigen die Modelle beachtliche Leistungen.
Und dennoch werden die kreativsten Menschen, jene in der oberen Hälfte der Verteilung, (noch) von keinem der getesteten Modelle übertroffen. Es besteht eine klare Obergrenze, die aktuelle KI-Systeme nicht erreichen (Bellemare-Pepin et al., 2026). Die Forschenden betonen zudem, dass ähnliche Outputs auf sehr unterschiedlichen Mechanismen beruhen können: Was die KI produziert, entsteht durch statistische Mustererkennung in Trainingsdaten – nicht durch Erfahrung, Intention oder Bedeutungsverstehen.
Knaus et al. (2024) setzen hier einen wichtigen konzeptuellen Rahmen. Sie unterscheiden, angelehnt an die KI-Forscherin Margaret Boden, drei Ebenen von Kreativität: kombinatorische, explorative und transformative Kreativität. KI-Systeme können auf der ersten Ebene, der Rekombination und dem Remix bestehender Inhalte, beeindruckend agieren. Die höheren Ebenen, die genuinem Neuem, Überraschendem und Unvorhergesehenem entsprechen, bleiben jedoch schwer fassbar für Maschinen. Kreativität hänge nach Knaus et al. (2024) mit einer nicht algorithmierbaren Form von Spontaneität zusammen, die mit dem Begriff der menschlichen Freiheit verbunden ist. Menschen sind, anders als Maschinen, in der Lage, Regeln zu brechen, Impulse reflexiv umzudisponieren und dabei einen stets veränderbaren Handlungsraum zu schaffen.
Generative KI kann also Stile imitieren, Muster rekombinieren und überraschend gut klingende Texte produzieren. Aber sie schöpft aus dem Vorhandenen, aus menschlichen Artefakten, die als Trainingsdaten dienen. Anne Behl (vgl. Günther, 2026) ist Illustratorin und merkt an, dass sie, wenn sie ein KI-generiertes Bild sehe, darin Kolleg*innen erkenne, deren Stile zusammengemischt wurden und das leider ohne deren Zustimmung.
Was das für Bildung bedeutet
Was bedeutet das für die Bildung? Wenn KI Inhalte formuliert, kombiniert und reproduziert, verschiebt sich, was von Menschen erwartet wird und was gezielt gefördert werden sollte. Die Frage ist nicht, ob KI kreativ ist, sondern welche menschlichen Fähigkeiten in diesem Kontext an Bedeutung gewinnen.
Was KI (re)produzieren kann, liegt im Mittelfeld menschlicher Kreativleistung. Was dagegen möglicherweise mehr gefragt sein wird, sind Leistungen, die berühren, eine eigene Handschrift tragen und Perspektiven brechen. Das sind Dinge, die aus Auseinandersetzung, innerer Motivation und persönlicher Erfahrung entstehen.
Ibrahim (2024b) zeigt, dass junge Menschen ihre Berufs- oder Ausbildungswahl bereits an den Entwicklungen rund um KI anpassen. So werden weniger Berufe gewählt, die potenziell von der KI übernommen werden können: Seit der Einführung von ChatGPT das Interesse an kaufmännischen Ausbildungen und Verwaltungsberufen in der Schweiz um 18 Prozent gesunken, während das Interesse an Berufen mit manuellen Fähigkeiten und menschlicher Nähe stabil geblieben oder gewachsen ist. Sechs von zehn jungen Menschen der Generationen Z und Millennials gehen davon aus, sich umschulen zu müssen, um Fähigkeiten zu entwickeln, die nicht einfach automatisiert werden können (Ibrahim, 2024b).
Für Bildungseinrichtungen könnte das konkret bedeuten:
- Kreativität fördern heisst nicht nur, Kreativtechniken lehren.
Es bedeutet, Räume zu schaffen, in denen eigene Interessen entfaltet, eigene Stimmen entwickelt und unkonventionelle Lösungen erprobt werden dürfen. Es bedeutet, Lernende zu ermutigen, ausserhalb der Norm zu denken und ausserhalb dessen, was KI eben kann. - KI als Werkzeug verstehen und kompetent einsetzen. Illgen et al. (2025) empfehlen, ein digitales Bewusstsein im Umgang mit generative KI in kreativen Prozessen zu fördern: das Wissen, KI-Tools adäquat, sicher und effektiv einzusetzen, Chancen und Risiken zu erkennen und generative KI als digitales Werkzeug verantwortungsbewusst einzusetzen.
- Menschliche Kompetenzen ins Zentrum stellen.
Berufe, die Einfühlungsvermögen und direkten Menschenkontakt erfordern – etwa im Pflege-, Therapie- oder Lehrbereich – lassen sich kaum automatisieren (Ibrahim, 2024b). Für Bildungseinrichtungen bedeutet das, diesen Kompetenzen explizit Raum zu geben.
Die Befunde von Bellemare-Pepin et al. (2026) zeigen exemplarisch: KI erreicht in diesem Test und im Moment nicht die kreativsten Menschen. Jene, die wirklich Neues schaffen und überraschen. Ob das in Zukunft anders sein wird? Die Technologie entwickelt sich schnell, und es ist durchaus denkbar, dass KI die selben Ergebnisse hervorbringt. Was ist deine Meinung dazu?
Umso wichtiger ist die Frage, die sich das Bildungswesen jetzt stellen sollte: Welche Bedingungen brauchen Menschen, um ihr kreatives Potenzial zu entfalten und schafft Bildung heute genug Raum dafür?
Quellen:
Bellemare-Pepin, A., Lespinasse, F., Thölke, P., Harel, Y., Mathewson, K., Olson, J. A., Bengio, Y., & Jerbi, K. (2026). Divergent creativity in humans and large language models. https://doi.org/10.1038/s41598-025-25157-3. [12.5.26]
Deckker, Dinesh & Sumanasekara, Subhashini (2025). A Review of AI-Powered Creativity: The Intersection of AI and the Arts. [12.5.26]
Günther, H. (2026). „Kein Werkzeug. Es ist ein Ersatz»: Wie KI Jobs verändert. [12.5.26]
Ibrahim, S. (2024a). Wie sich KI auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirkt. [12.5.26]
Ibrahim, S. (2024b). Wie KI die Berufswahl junger Menschen beeinflusst. [12.5.26]
Illgen, K.-M., Hein, L., & Thomas, O. (2025). Generative Künstliche Intelligenz als digitales Werkzeug für Kreativität: Status quo und Implikationen für Forschung und Praxis. https://doi.org/10.1365/s40702-025-01179-3. [12.5.26]
Knaus, T., Merz, O., & Junge, T. (2024). Ist das Kunst… oder kann das die KI? Zum Verhältnis von menschlicher und künstlicher Kreativität. https://doi.org/10.21240/lbzm/24/01. [12.5.26]