Hinweis: Für die Formulierung und Strukturierung dieses Beitrags wurde Künstliche Intelligenz (Claude.ai) eingesetzt. Die Recherche, inhaltliche Einordnung, Überprüfung und Überarbeitung erfolgten vollständig durch die Autorin.
Über 700 Personen im Saal, rund 1’000 weitere im Livestream: Der Anlass «Fostering School Success Through Visible Learning» vom 18. März 2026 an der Pädagogischen Hochschule FHNW war ein aussergewöhnliches Ereignis für die Schweizer Bildungslandschaft. Bildungsforscher John Hattie, begleitet von Janet Clinton, präsentierte die wichtigsten Erkenntnisse aus jahrzehntelanger Forschungsarbeit – direkt, provokativ und mit einem klaren Auftrag an alle, die in Schulen wirken.
Was folgt, ist eine Zusammenfassung seiner zentralen Aussagen.
Das Problem ist nicht der Mangel an Daten
Hattie beginnt mit einer provokanten Feststellung: Eigentlich weiss die Bildungswelt längst, was funktioniert. Seit über 100 Jahren werden Studien durchgeführt, es existieren Zehntausende von Forschungsarbeiten. Jede Lehrperson, jede*r Schulleiter*in, jede*r Politiker*in – alle könnten die Frage «Was fördert schulischen Erfolg?» beantworten.
Das eigentliche Problem liegt woanders: in der Interpretation dieser Daten. Zu oft werde das vorhandene Wissen ignoriert und das Rad neu erfunden – unter dem Deckmantel von «Lehrpersonenautonomie». Er zieht einen direkten Vergleich: «Mein Klempner hat diese Freiheit nicht, mein Pilot auch nicht. Sie bauen auf dem bestehenden Wissenskorpus auf. Das sollten wir in der Bildung auch tun.»
Sein Appell: Die falsche Frage ist «Was wirkt?» – denn fast alles wirkt irgendwie. Die richtige Frage ist: «Was wirkt am besten – und warum?»
John Hattie, 2026, FHNW
3’000 Metaanalysen – und eine überraschende Erkenntnis
Hatties Forschungsarbeit, bekannt unter dem Namen «Visible Learning», basiert auf einer Metaanalyse von Metaanalysen. Startete er 2008 mit 800 Metaanalysen, umfasst die Datenbank heute über 3’000. Darin werden 450 verschiedene Einflussfaktoren auf schulischen Lernerfolg untersucht – von der Familie über die Schulleitung bis hin zu Unterrichtsmethoden und Technologie.
Das überraschende Ergebnis: Fast alles, was wir mit Schüler*innen tun, hebt ihre Leistungen – 95 bis 97 Prozent aller untersuchten Massnahmen haben einen positiven Effekt. «Alles, was Sie brauchen, um Leistungen zu verbessern, ist ein Puls», sagt Hattie trocken. Er meint damit: Schon wer einfach lebt und im Klassenzimmer steht, erzielt messbare Verbesserungen. Das sei aber keine gute Nachricht, sondern erkläre, warum jede Schulreform und jede Lehrperson behaupten könne, erfolgreich zu sein.
Der eigentliche Massstab lautet deshalb: Macht eine Lehrperson mit ihren Schüler*innen mehr als ein Jahr Lernfortschritt pro Schuljahr? Der durchschnittliche Effektwert liegt bei 0.40 – stabil über 20 Jahre hinweg, in jedem Land, jeder Schulstufe, jedem Fach. Lehrpersonen und Schulen, die diesen Wert übertreffen («Blue Zone»), sind keine Ausnahme: «Exzellenz ist in diesem Raum. Wir haben erstaunlich viele solcher Schulen – wir reden nur viel zu wenig darüber.»
Vier Grundideen: Was die «Blue Zone» auszeichnet
Was unterscheidet die besonders wirksamen Lehrpersonen und Schulen von den anderen? Hattie verdichtet seine Antwort auf vier ineinandergreifende Ideen:
- Lernklima geht vor – Lernprozess und -leistungen folgen:
Gute Schulen entstehen nicht durch Leistungsdruck, sondern durch ein Klima, in dem Schüler*innen sich eingeladen fühlen zu lernen und Fehler als Lernchance begreifen. Entscheidend ist dabei das Denken der Lehrperson: Wer hohe Erwartungen hat – und zwar für alle – verdoppelt die Lernrate. Wer tiefe Erwartungen hat, tut dasselbe mit verheerenden Folgen. Hattie hält fest: Es ist mehr das Denken einer Lehrperson, das wirkt, als das, was sie konkret tut. - Lernende sollten ihr Lernen selbst steuern:
Unkontrollierte Selbststeuerung – Lernende entscheiden frei, was und wie sie lernen – hat einen Effektwert von null. Was Hattie meint, ist etwas anderes: Schüler*innen sollen verstehen, wo sie in ihrem Lernprozess stehen, was Erfolg bedeutet und wie sie den nächsten Schritt machen. Dafür braucht es die richtige Methode zur richtigen Zeit. Hattie unterscheidet dabei drei Ebenen des Lernens: Oberflächenwissen («wissen dass»), tiefes Verständnis («wissen wie») und Transfer. Entscheidend ist, dass Unterrichtsmethoden und Lernstrategien zur jeweiligen Ebene passen: Direkter Unterricht ist stark für den Wissenserwerb; problembasiertes Lernen entfaltet seine Wirkung erst, wenn das Grundwissen sitzt. «Hören Sie auf mit dem Streit zwischen Frontalunterricht und entdeckendem Lernen – und fragen Sie sich: Wann ist was angebracht?» - Kenne deinen Einfluss:
«Eine gute Lehrperson ist eine, die ihre Wirkung kennt» – das ist für Hattie das Kernmerkmal wirkungsvoller Lehrpersonen. Wirkung zu kennen bedeutet vor allem: zwischen Leistungsstand und Lernfortschritt zu unterscheiden. Hohe Testergebnisse allein sind kein Zeichen von Qualität. Entscheidend ist, ob alle Schüler*innen mindestens ein Jahr Lernwachstum pro Schuljahr erreichen – unabhängig davon, wo sie starten. Schüler*innen, die bereits über dem Durchschnitt sind, aber kaum Fortschritt machen, nennt Hattie «cruising» – und das sei, so seine klare Aussage, «nicht zu rechtfertigen». Laut seinen Daten befinden sich 52 Prozent der Hochschulen in Australien in genau dieser Zone. Ein Kind mit unterdurchschnittlichem Leistungsstand, das grosse Fortschritte macht, profitiert laut Hattie weit mehr vom Unterricht als ein leistungsstarkes Kind, das stagniert. 80 Prozent von dem, was im Unterricht passiert, sehen und hören Lehrpersonen nicht – weshalb Selbstreflexion allein nicht reicht. Es braucht weitere Perspektiven und Evidenz.
- Gemeinsam Verantwortung für das Lernen übernehmen:
Wenn sich die Lehrpersonen zusammensetzen und Beispiele für die Arbeit der Schüler*innen, Noten und Probleme aus der Praxis mitbringen und besprechen, steigt die Lernrate der Schüler*innen um das Drei- bis Vierfache. Und das, obwohl die Schüler gar nicht im Raum sind. Dabei gilt: Wer behauptet, ein Kind habe etwas verstanden, muss die Evidenz vorlegen. Hattie illustriert das mit einem konkreten Beispiel aus einer Schule: Lehrpersonen markierten gemeinsam auf einer Übersicht, welche Schüler*innen eine Lernkompetenz bereits erreicht hatten – und welche noch nicht. Wer eine Markierung ändern wollte, musste die Evidenz vorlegen. Wenn das Kollegium nicht einig war, ging die Lehrperson zurück in die Klasse, arbeitete mit dem Kind und kam mit Befunden zurück. Hattie nennt das «kollektive Wirksamkeit» («collective efficacy»): die schulweite Überzeugung, dass man das Lernen jedes einzelnen Kindes beeinflussen kann – und die Bereitschaft, dafür gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Schulleitende müssen dafür aktiv Zeit im Schulalltag schaffen. Was ein Jahr Lernwachstum in einem Fach konkret bedeutet, ist dabei bewusst umstritten – aber Hattie will genau diesen Streit: im Kollegium, nicht im stillen Kämmerlein jeder einzelnen Lehrperson.
Evaluatives Denken: Der Kern hinter allen vier Ideen
Was alle vier Grundideen verbindet, nennt Hattie – gemeinsam mit Janet Clinton und Wolfgang Beywl – «Evaluatives Denken». Als er Janet Clinton fragte, wie sie das Konzept auf den Punkt bringen würde, antwortete sie trocken: «Ganz einfach. Evaluative Thinker sind neugierig. Sie wollen wissen, was wirklich los ist.»
Diese Neugierde ist keine beiläufige Eigenschaft, sondern eine professionelle Haltung: das ständige, aktive Hinterfragen der eigenen Wirkung. Nicht zufrieden sein mit dem Gefühl, gut unterrichtet zu haben – sondern nachschauen, ob es stimmt. Hinschauen, auch wenn es unbequem ist. Evidenz suchen nicht nur dort, wo sie die eigene Sichtweise bestätigt, sondern gerade dort, wo sie sie in Frage stellt. «Dein Job ist es, deinen Einfluss zu evaluieren. Dein Job ist Klarheit und Transparenz. Dein Job ist, das Was, das Wer und das Wie viel zu betrachten. Und vor allem: dein Job ist es, unglaublich neugierig zu sein.»
Konkret bedeutet das, drei Fragen regelmässig und ehrlich zu stellen:
- Was habe ich gut unterrichtet – und was nicht?
- Wen habe ich gut unterrichtet – und wen nicht?
- Wie viel Fortschritt wurde gemacht – und was sind die Belege dafür, aber auch dagegen?
Hattie betont: Es ist einfach, Belege zu finden, die zeigen, was gut lief – «diese fünf Schüler*innen haben es geschafft.» Die eigentliche Frage lautet: Was ist mit den anderen zwanzig? Und bin ich bereit, das gemeinsam mit dem Kollegium kritisch zu hinterfragen?
Sein Appell an Schulleitende: «Haben Sie den Mut, die Lehrpersonen in der Blue Zone sichtbar zu machen und jene in der Yellow Zone einzuladen, sich anzuschliessen? Das grösste Problem im Bildungswesen ist bei weitem der Mangel an Mut.»
Was das für die Schweizer Bildungslandschaft bedeutet
Hattie überträgt seine Erkenntnisse auf die Bildungssituation in der Schweiz: Schulen mit hohen Leistungsergebnissen sind nicht unbedingt die besten Schulen. Der Öffentlichkeit wird allgemein der Eindruck vermittelt, es solle nach den Schulen mit den besten Prüfungsergebnissen gesucht werden, doch am Ende gibt es – wie in Australien – so viele Schulen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Laut Hattie sind die besten Schulen in der Schweiz diejenigen, die überdurchschnittliche Fortschritte erzielen.
Am Morgen des Anlasses hatte Hattie eine Schule besucht und kommentierte danach: «Ich habe heute Morgen nicht Unterrichten gesehen. Ich habe Lernen gesehen. Das war wirklich aussergewöhnlich.» Seine abschliessende Frage an alle Bildungsakteur*innen: «Warum sind wir als Lehrpersonen so schnell dabei, unsere eigene Expertise zu leugnen oder kleinzureden? Wir haben sie. Unser Problem ist nicht das Wissen – sondern wie wir es skalieren und umsetzen.»
Hier setzt das an der PH FHNW entwickelte Programm LUUISE an: Es unterstützt Lehrpersonen dabei, evaluativ zu denken, den eigenen Einfluss auf das Lernen der Schüler*innen systematisch zu erfassen und gezielt zu steigern. Was Hattie als Kern wirksamen Unterrichts beschreibt, den eigenen Einfluss kennen, Evidenz ernst nehmen, neugierig bleiben, kann mit LUUISE zur gelebten Praxis im Schulalltag werden.
Fazit in vier Sätzen:
- Fast alles, was wir in Schulen tun, wirkt – aber das ist keine Entschuldigung für Mittelmässigkeit.
- Gute Schulen messen sich nicht an Testergebnissen, sondern am Lernfortschritt aller Schüler*innen.
- Wirksame Lehrpersonen kennen ihre Wirkung – und suchen aktiv nach Belegen dafür und dagegen.
- Schulentwicklung geschieht im Kollegium, nicht im Einzelzimmer.
Quellen:
Hattie, J. (2026). Visible learning MetaX [Datenbank]. https://www.visiblelearningmetax.com
Hattie, J. (2026, 18. März). Fostering school success through visible learning [Präsentationsfolien]. Pädagogische Hochschule FHNW, Brugg-Windisch, Schweiz.
Pädagogische Hochschule FHNW (2026). John Hattie und Janet Clinton – 18. März 2026 an der PH FHNW. https://www.fhnw.ch/de/ph/aktuelles/john-hattie-visit-at-fhnw-2026-fostering-school-success-through-visible-learning