Entwicklung von Khanmigo
Sal Khan, Gründer der Khan Academy, erkannte früh das Potenzial von Künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich. Mit Unterstützung von OpenAI, den Entwicklern von ChatGPT, entstand Khanmigo. Der Name ist eine Kombination aus Khans Nachnamen und dem spanischen Wort „conmigo“ (mit mir).
Seit 2005 hat Khan Wege gefunden, um Kindern beim Lernen zu helfen. Nach seinem Abschluss in Mathematik, Informatik und Ingenieurwesen am MIT und seinem MBA-Abschluss in Harvard arbeitete Khan für einen Hedgefonds, als er anfing, Mathevideos aufzunehmen, um seine jungen Cousins zu unterrichten.
Kurze Zeit später kündigte Khan mit Hilfe von Geldgebern wie Bill Gates seinen Job im Finanzwesen und gründete die gemeinnützige Bildungsorganisation Khan Academy.
Die OpenAI-Mitbegründer Greg Brockman und Sam Altman, Fans von Khans Arbeit, wandten sich an Khan in der Hoffnung, ihr neuestes KI-Modell, das heute ChatGPT antreibt, anhand von Khans Datenbank mit Testfragen und -inhalten zu testen. Sie gewährten Khan auch einen frühen Zugang zu dem Modell im Jahr 2022. Pädagog*innen und Ingenieur*innen der Khan Academy nutzten die Technologie von OpenAI, um den KI-Tutor «Khanmigo» zu entwickeln.
Wie Schüler*innen Khanmigo konkret nutzen
In der Hobart High School in Indiana wird Khanmigo bereits im Unterricht eingesetzt und unterstützt Schüler*innen dabei, Aufgaben zu verstehen und Lösungswege zu finden. So fragte eine Schülerin im Chemieunterricht nach Beispielen für Säurearten. Khanmigo nannte ihr konkrete Beispiele und regte zusätzlich ihre Eigeninitiative an: «Fallen dir vielleicht Haushaltsgegenstände ein, die Säuren enthalten könnten?»
Ein weiteres Beispiel zeigt, wie Khanmigo hilft, emotionale Barrieren zu überwinden. Viele Schüler*innen zögern, im Unterricht Fragen zu stellen. Sie empfinden Khanmigo als positiv und beruhigend, weil es ihnen geduldig zur Seite steht, ohne zu urteilen. «Khanmigo will dir helfen zu verstehen, was es dir sagt, und gibt nicht einfach nur Antworten», betont die Schülerin.
Khanmigo hilft auch den Lehrpersonen
Khanmigo bietet nicht nur Schüler*innen Unterstützung, sondern erleichtert auch den Alltag von Lehrpersonen. So plante die Chemielehrerin Melissa Higgason einen viertägigen Kurs über die physikalischen und chemischen Eigenschaften von Materie. Statt wie normalerweise eine Woche mit der Planung zu verbringen, erstellte Khanmigo innerhalb weniger Minuten einen detaillierten Unterrichtsplan.
Zudem hilft Khanmigo den Lehrpersonen, besser zu erkennen, welche Themen ihre Schüler*innen noch nicht ganz verstanden haben. Es zeigt genau, welche Fragen gestellt werden und wo es hakt. So können Lehrpersonen gezielt unterstützen und den Lernprozess effektiver begleiten.
«Es verschafft mir als Lehrperson eine Menge Einblicke, um herauszufinden, mit wem ich mehr Zeit im Einzelunterricht verbringen muss»
Auch im Bereich der Textanalyse und des Feedbacks ist Khanmigo eine grosse Hilfe:
Sarah Robertson, eine ehemalige Englischlehrerin, testete Khanmigo anhand eines Aufsatzes, den der Journalist Anderson Cooper als Sechstklässler über seine Mutter geschrieben hatte. Innerhalb von nur 90 Sekunden gab Khanmigo ein detailliertes Feedback. Er lobte die vorhandenen Stärken und schlug Verbesserungen vor, wie z.B. die prägnantere Herausarbeitung der Grundidee von Absätzen (engl. topic sentence).
Ein weiteres Beispiel zeigt, wie Khanmigo Cooper beim Schummeln erwischt: Cooper fügte Textpassagen aus ChatGPT in seinen Aufsatz ein. Khanmigo meldete dies sofort an Robertson und zeigte genau, welche 66 Wörter aus einer unbekannten Quelle kopiert wurden.
KI als Unterstützung, nicht als Ersatz
Einige Lehrpersonen sorgen sich, dass KI ihre Rolle im Klassenzimmer ersetzen könnte. Sal Khan, Gründer der Khan Academy, sieht das anders: «Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass der Lehrerberuf und alle anderen Berufe, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht, zu den sichersten Berufen gehören werden, solange sie sich einigermassen gut an die KI-Welt anpassen», so Khan.
Obwohl Khan Khanmigo entwickelt hat, betont er, wie wichtig die persönliche Präsenz von Lehrpersonen im Klassenzimmer ist. Die KI soll Lehrpersonen als Unterstützung dienen, indem sie ihnen mehr Zeit verschafft, um individuell auf Schüler*innen einzugehen, ihre Bedürfnisse besser zu verstehen und persönliche Beziehungen aufzubauen.
Mit Blick auf die Zukunft könnte Khanmigo durch neue Technologien wie KI-gestützte Vision-Funktionen noch leistungsfähiger werden. Sal Khan hofft, dass in den nächsten 2–3 Jahren Funktionen integriert werden, die Schüler*innen sowie Lehrpersonen in Echtzeit bei visuellen Aufgaben unterstützen z. B. beim Lösen einer Aufgaben auf dem Blatt Papier. Er möchte jedoch, dass die Technologie gründlichere Tests durchläuft und strenge Richtlinien für den Datenschutz und die Datensicherheit erfüllt.
An einigen Stellen des Beitrags kommen mir Fragen auf: Wenn ich als Lehrperson Zugriff auf die gesamte Eingabehistorie habe, greife ich nicht zu stark in die Privatsphäre der Schüler*innen ein?
Natürlich bietet es Vorteile, Eingaben nachvollziehen und gezielt reagieren zu können, doch Kontrolle – etwa durch Tools, die Copy+Paste-Verhalten aufzeigen – erscheint mir problematisch. Ist das wirklich der Weg zu einem reflektierten Umgang mit digitalen Tools?
Idealerweise wäre es wünschenswert die Schülerinnen dazu befähigen, selbst zu entscheiden, wann Copy+Paste sinnvoll ist. Vielleicht schliessen sich Kontrolle und Vertrauen auch nicht aus. Wie siehst du das? Welche Aspekte des Videos haben dich besonders zum Nachdenken gebracht? Ich bin gespannt auf deine Rückmeldung.
Quellen:
CBSNews (2024). Sal Khan wants an AI tutor for every student: here’s how it’s working at an Indiana high school. [10.12.24]
OpenAI (o.J.). Khan Academy. [10.12.24]