Hinweis: Bei der Formulierung dieses Beitrags wurde KI-gestützt gearbeitet.
Zwei Schülerinnen sitzen im selben Klassenzimmer, jeweils mit einem Laptop vor sich. Während die eine zu Hause Unterstützung erfährt – sei es beim Einschätzen von Quellen, bei der sicheren Passwortwahl oder beim Formatieren einer PowerPoint-Präsentation –, fehlt dieser Rückhalt der anderen. Trotz gleichen technischen Zugangs unterscheiden sich somit ihre grundlegenden Voraussetzungen. Ein Beispiel wie dieses zeigt: Zugang zu Geräten ist nicht automatisch dasselbe wie die Fähigkeit, sie wirksam einzusetzen. Dieser Unterschied in den Voraussetzungen lässt sich mit einem über 40 Jahre alten Modell beschreiben, der Kapitaltheorie des Soziologen Pierre Bourdieu. Der aktuelle Fachartikel «Bildungsungleichheiten im digitalen Bereich» der Arbeitsgruppe «Digital Equality» der PHBern (vgl. Fischer et al., 2026) denkt die Theorie weiter, um digitale Bildungsungleichheiten theoretisch einzuordnen.
Drei Arten von Kapital
Bourdieu unterschied in den 1980er Jahren drei allgemeine Formen von Kapital. Sein Kapitalbegriff umfasst dabei alles, was einer Person Handlungsspielräume eröffnet und ihr hilft, die eigene gesellschaftliche Position zu behalten oder zu verbessern:
- Ökonomisches Kapital ist das, was sich direkt in Geld ausdrücken lässt: Einkommen, Vermögen, Besitz.
- Soziales Kapital meint die Beziehungen, auf die jemand zurückgreifen kann, etwa Eltern, die ein Praktikum vermitteln, Nachbar*innen mit Fachwissen oder ein Freund*innenkreis, der weiterhilft.
- Kulturelles Kapital ist vielschichtiger. Es kann sich als verinnerlichtes Wissen und Können zeigen (etwa Lesekompetenz), als Besitz kultureller Güter (Bücher, Kunst), deren Erschliessung verinnerlichtes Kapital erfordert, oder als formale Anerkennung (Diplome, Zeugnisse).
Diese Kapitalformen lassen sich, so Bourdieu, ineinander umwandeln. Wer als Kind mit vielen Büchern zu Hause aufwächst und Eltern hat, die beim Lesen unterstützen, entwickelt tendenziell eher gute Lesekompetenzen, die sich später wiederum in Noten und Abschlüssen niederschlagen können. Dies kann sich dann wortwörtlich in ökonomisches Kapital ummünzen: Die Person arbeitet später an einer Arbeitsstelle, die gut bezahlt wird.
Warum Bourdieu?
Die Autor*innen sind empirisch vorgegangen: Sie haben systematisch nach Fachartikeln zu digitalen Ungleichheiten im Bildungsbereich gesucht und ausgewertet, auf welche Theorien sich diese jeweils stützen. Unter 69 gesichteten Artikeln griff mehr als jeder dritte auf Bourdieus Kapitaltheorie zurück, deutlich häufiger als auf andere Erklärungsansätze. Das lässt vermuten, dass sich das Modell in der bisherigen Forschung als besonders anschlussfähig erwiesen hat, um digitale Ungleichheiten zu beschreiben.
Daraus leiten die Autor*innen ihren Ansatz ab: Statt ein neues Modell zu entwickeln, schlagen sie vor, den digitalen Bereich in die bestehende Kapitaltheorie zu integrieren.
In Bourdieus Modell stellen die Autor*innen allerdings Begrenzungen fest: Es entstand aus Beobachtungen zur französischen Gesellschaft der 1980er Jahre und richtet den Fokus vor allem auf soziale Klasse. Andere Kategorien, etwa Geschlecht, Alter, Behinderung oder rassistische Zuschreibungen, werden dabei nicht berücksichtigt, obwohl sie den Zugang zu Bildung ebenfalls mitprägen. Wer mit dem Modell arbeitet, sollte diese Einschränkung mitbedenken.
Bourdieus Kapitaltheorie erweitert um den digitalen Bereich
Die Autor*innen argumentieren, dass es für den Einbezug von digitalen Aspekten keine vierte, eigenständige digitale Kapitalform braucht. Stattdessen liesse sich soziales und kulturelles Kapital für den digitalen Bereich erweitern. Ökonomisches Kapital behandeln die Autor*innen dagegen unverändert: Digitales Geld bleibt in seiner Funktion Geld, unabhängig davon, ob es z.B. in einer Kryptowallet gespeichert ist oder auf einem Bankkonto und via App verwaltet wird. Eine eigene digitale Ausdifferenzierung erscheint deswegen nicht notwendig.
Digitales soziales Kapital umfasst demnach Beziehungen und Zugehörigkeiten im digitalen Bereich, etwa Eltern oder Geschwister, die bei technischen Problemen helfen, oder die Mitgliedschaft in einem Onlineforum beziehungsweise in einer Onlinegemeinschaft.
Digitales kulturelles Kapital wird in drei Unterformen unterteilt, die sich an einzelnen Geräten veranschaulichen lassen:
- Der Besitz eines Laptops oder Smartphones sowie der Software darauf entspricht dem objektivierten digitalen Kulturkapital, vergleichbar mit Büchern zu Hause.
- Zu wissen, wie man damit umgeht, also eine Quelle im Netz kritisch einzuordnen, sich in einer Onlinerecherche zurechtzufinden oder überlegt mit der eigenen Privatsphäre umzugehen, entspricht dem inkorporierten digitalen Kulturkapital. Die Aneignung dieses inkorporierten digitalen Kulturkapitals erfolgt im sozialen Umfeld. Zum Beispiel ist der Umgang mit Smartphones nicht in allen Familien gleich: Während einige es als Rechercheinstrument nutzen, verwenden es andere eher als Wecker, um mit Familie und Freund*innen in Kontakt zu bleiben, oder um Spiele zu spielen. In der Schule wird dann nicht jeder Umgang mit dem Smartphone gleich bewertet für den schulischen Bildungserfolg.
- Ein Zertifikat aus einer Informatikausbildung oder ein Diplom im Bereich Medienkompetenz zählt als institutionalisiertes digitales Kulturkapital, eine formale Bestätigung erworbener Fähigkeiten.
Warum ist das relevant?
Für den Schulbereich und insbesondere Lehrpersonen kann diese Ausdifferenzierung eine Sprache liefern, um genauer zu benennen, was sich hinter scheinbar ähnlichen Startbedingungen verbirgt. Zwei Kinder mit Laptop bringen nicht zwangsläufig die gleichen Voraussetzungen mit, ein genauerer Blick lohnt sich: Wer hat Zugang zu welchen Geräten und welche Software ist darauf installiert? Wer hat Zugriff auf eine schnelle Internetverbindung? Wer hat zu Hause jemanden, der unterstützt? Wer bringt bereits Routinen im Umgang mit den Geräten mit? Wo könnte die Schule fehlende Ressourcen zumindest zeitweise ausgleichen? Und wo trägt Schule, durch die Fokussierung und Anerkennung bestimmter Kompetenzen zum Ausschluss anderer Kompetenzen bei und verstärkt dadurch digitale Ungleichheiten?
Wenn sich soziale Ungleichheiten so unmittelbar in den digitalen Bereich fortsetzen, reicht es in der Aus- und Weiterbildung nicht, nur die Nutzung von digitalen Medien im Unterricht zu erlernen. Es braucht Medienpädagogikveranstaltungen zur gezielten Förderung von Medienkompetenz in der Ausbildung von Lehrpersonen, damit sie die Mechanismen von Ein- und Ausschlussprozesse im digitalen Bereich erkennen, deren Auswirkungen reflektieren und auf dieser Basis im Schulalltag gezielt agieren können.
Quelle:
Fischer, E., Zaugg, P., Bollag, J., & Heierle, D. (2026). Bildungsungleichheiten im digitalen Bereich: Eine Ausdifferenzierung von Bourdieus Kapitaltheorie zur Entstehung von sozialen Ungleichheiten. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 308–328. https://doi.org/10.21240/mpaed/00/2026.09.01.X