Conversational AI als Scaffolding für peer-peer Interaktion im Fremdsprachenunterricht

Die mündliche Interaktion im Fremdsprachenunterricht stellt für viele Schülerinnen und Schüler eine grosse Herausforderung dar – sowohl für den Englisch-, besonders aber für den Französischunterricht. Im Projekt «Potentiale von Chatbots» wurde untersucht, wie Conversational AI-Tools als digitales Scaffolding eingesetzt werden können, um Lernende beim Erwerb von Sprechkompetenzen zu unterstützen.

Die Idee

Peer-to-peer Interaktionen in der Fremdsprache bereiten vielen Lernenden Schwierigkeiten, da sie Hemmungen haben, vor Mitschülerinnen und Mitschülern zu sprechen oder Fehler zu machen. Conversational AI kann hier eine Scaffolding-Funktion einnehmen und als Übungspartner dienen, der es Lernenden ermöglicht:

  • In einer angstfreien Umgebung zu sprechen
  • Eigene Fragen zu stellen und in Gesprächssimulationen zu erproben
  • Selbstvertrauen im Sprechen aufzubauen
  • Sich auf reale Interaktionen vorzubereiten

Das Projekt

Mit Hilfe des Beta-Tools XARA (AFCA o. J.) wurde ein Chatbot erstellt, und punktuell mit einzelnen Jugendlichen getestet. Parallel dazu wurden zwei Aufgaben entwickelt, welche mit kleinen Gruppen von Schüler*innen und Lehrpersonen getestet werden konnten.

Der Chatbot

Szenario: Restaurant-Besuch in Genf (Französisch) oder in London (Englisch)

Die Schüler*innen bereiten sich mit einem Chatbot auf einen Restaurantbesuch vor.

Dabei üben sie:

  • Bestellungen aufgeben, Essen erhalten, bezahlen
  • Small Talk mit Servicepersonal
  • Nachfragen bei Unverständnis

Das Gespräch enthält verschiedene Gesprächsarten, einerseits eine formalisierte Interaktion mit Bestellvorgang bis Bezahlung und andererseits informellen Small Talk.

Unsere ersten Erfahrungen mit dem Bot:

  • Trotz vielfältiger Versuche, den Bot entsprechend zu prompten, funktionierte der Übergang vom formalisierten Gesprächsteil zur Alltagskonversation nur mangelhaft.
  • Besonders im Französisch war das Sprachniveau der Lernenden zu tief, um adäquat auf die formalisierten Redebeiträge des Bots eingehen zu können.
  • Im informellen Teil reagierte der Bot zum Teil unnatürlich und ging zu wenig auf die Beiträge der Schüler*innen ein. Er stellte sofort eine Frage zu einem weiteren Thema, ohne an die Antwort der Schüler*innen anzuknüpfen. Echte Ko-Konstruktion fand wenig statt.
  • Die Schwächen des Bots – sein verhörmässiges Ausfragen der Schüler*innen und die geringe Ko-Konstruktion – veranlassten die Jugendlichen dazu, spätestens beim zweiten Sprechversuch den Bot ‚auszutricksen‘: Sie versuchten, möglichst viel über das Leben des Bots zu erfahren, ohne selbst viel preiszugeben.
Entwicklung von begleitenden Aufgaben

Es wurde deutlich, dass der Einsatz eines Chatbots im Unterricht von fachdidaktisch aufbereiteten Aufgaben unterstützt werden muss. Die begleitenden Aufgaben wurden so konzipiert, dass sie unterschiedliche Lernwege zulassen und an die Bedürfnisse der Klasse angepasst werden können.

Aufgrund unserer ersten Erfahrungen mit dem Bot wurden zudem die folgenden Elemente eingebaut:

  • Mögliche Vorbereitungsaufträge (mit oder ohne KI) für den formalisierten Teil, damit die Jugendlichen fertige Sprechteile hatten, um das Gespräch am Laufen zu halten.
  • Da die Versuche, den Bot «auszutricksen», die Lernenden letztlich zum Sprechen anregten, wurde eine spielerische Challenge eingebaut: Die Schüler*innen sollten möglichst viele persönliche Informationen über ihren digitalen Gesprächspartner – den Bot – sammeln.

Hier können die Aufgaben heruntergeladen werden:

Rückmeldungen der Lehrpersonen

Der Bot und die begleitenden Aufgaben wurden im Rahmen eines Praxisaustauschs von verschiedenen Fremdsprachenlehrpersonen erprobt. Die Lehrpersonen (N=8 für Französisch, N=9 für Englisch) gaben als Rückmeldung, dass ihre Schüler*innen solche Aufgaben wahrscheinlich motivierend finden würden. Die Instruktionen seien klar. Insgesamt würden sie solche Aufgaben gerne im Unterricht einsetzen, sehen aber beim Einsatz im Französischunterricht Herausforderungen: Die sprachlichen Hürden, um das Gespräch mit dem Bot am Laufen zu halten und ihm Fragen zu stellen, könnten für einige Lernenden zu hoch sein. Für Englisch wurde dieser Vorbehalt nicht genannt. Die Lehrpersonen sehen Lernmöglichkeiten besonders beim Gewinn an Selbstvertrauen und Sicherheit und weniger beim Erlernen kontextspezifischer Sprachmittel.

Unser Fazit bisher 

Chatbots sind kein Ersatz für reale Interaktionen, können aber eine wertvolle Ergänzung zur Vorbereitung auf authentische Gespräche sein.

Die bisherigen Erkenntnisse dienen als Grundlage für ein Anschlussprojekt im Studienjahr 2026/2027.

Projektleitung
Diane Würgler

Projektmitarbeitende
Meike Raaflaub
Dr. Brigitte Reber
Diane Würgler

Laufzeit
01.08.2024 bis 31.07.2025

Aufgaben für beide Fremdsprachen

Referenzen

  • Assoziation für Computer- und Anlagenforschung (o. J.): XARA – Augmented Reality Gesprächssimulator. afca.ch